Behavioral Finance Pionier
Der Psychologe der Märkte

Das Modell vom strikt rational handelnden Menschen, dem „Homo Oeconomicus“, ersetzte Richard Thaler durch Erkenntnisse der Psychologie. Der Gründer der verhaltenswissenschaftlichen Finanztheorie führt Jahr für Jahr aufs Neue die traditionellen Vermögensverwalter vor.

NEW YORK. Wenn die Studenten an der Wirtschaftsschule der Universität von Chicago ihr erstes Jahr leicht verwirrt abschließen, hat Richard Thaler sein Ziel erreicht: Jeder neue Jahrgang der Eliteschule für junge Wirtschaftswissenschaftler und Manager lernt zunächst bei Eugene Fama, dem Vater der modernen Kapitalmarkttheorie. Fama lehrt wie die meisten Finanzprofessoren heute, dass Börsen effizient arbeiten und die Aktienkurse praktisch immer den Wert der dahinter stehenden Unternehmen abbilden.

Nach dieser „Gehirnwäsche“, wie Thaler die herrschende Lehre nennt, kommen die Studenten zu ihm. Thaler, Chef des Chicagoer Zentrums für Entscheidungstheorie, lässt sie in Börsenspielen antreten und zeigt, wie systematische Urteilsfehler verzerrte Preise erzeugen. Thaler erzählt, wie professionelle Investoren in Labortests genau die gleichen Fehler machten.

Zum großen Finale kommt es in der letzten Studienwoche. Dann lädt Thaler seinen Kollegen Fama zum öffentlichen Streitgespräch ein. Hinterher müssen die Studenten angeben, ob sie der Effizienztheorie Glauben schenken oder an Thalers Gegenentwurf, wonach an den Finanzmärkten oft Irrationalität herrscht. „Je jünger die Zuhörer sind, desto selbstverständlicher erkennen sie an, dass wir nicht alle immer völlig rational handeln“, sagt Thaler. Er hat die „Behavioral Finance“ (verhaltenswissenschafliche Finanztheorie) begründet, die psychologische Erkenntnisse nutzt, um allzu menschliches Verhalten an den Finanzmärkten zu untersuchen.

Der 60-Jährige mit dem pausbäckigen Gesicht und dem dichten, ergrauten Haarschopf gibt sich jedoch mit theoretischen Debatten nicht zufrieden. Thaler berät seit den 80er-Jahren Anlagefirmen, die seinem Ansatz folgen. Im Jahr 1998 wurde er Miteigentümer und Partner beim Fondshaus Fuller-Thaler, das vom kalifornischen San Mateo aus inzwischen 4,2 Mrd. Dollar verwaltet.

„Fuller-Thaler gilt als Paradebeispiel dafür, dass die Konzepte der Behavioral Finance in der Praxis funktionieren“, sagt Dirk Schiereck, Professor am Stiftungslehrstuhl für Bank- und Finanzmanagement an der European Business School in Oestrich-Winkel. Er hat einige von Thalers Theorien am deutschen Finanzmarkt getestet und bestätigt gefunden.

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