Bei Shell erwartet Voser jede Menge Arbeit
Dormanns Spielmacher

Er plaudert ganz gelassen über den zweiten Rücktritt des Tages. Seinen eigenen. Peter Voser macht seinen Kollegen in der Führungsetage beim Schweizer Industriegüterkonzern ABB einen wichtigen Unterschied zwischen sich und Rudi Völler klar: Völler geht in der Stunde des Misserfolgs. Er, der selbst Spielmacher beim Züricher Vorortclub FC Wettingen war, verlässt ABB, nachdem das Schlimmste überstanden ist.

ZÜRICH. Der Schweizer Konzern hat seine letzten Partien weder verloren noch unentschieden gespielt. Gegen Siemens zum Beispiel hat er sich jüngst im Chinageschäft durchgesetzt. Voser sucht deswegen auch keinen neuen Job, sondern er hat ein Angebot: Er wechselt im September dorthin, wo er hergekommen ist, von ABB zu Royal Dutch/Shell, von einem großen europäischen Industriekonzern zum drittgrößten börsennotierten Ölproduzenten der Welt. Dort wird er Finanzchef. „Ich kehre gleichsam nach Hause zurück“, merkt Voser an.

Ein klarer Aufstieg. Und für die krisengeschüttelte Shell, die am Montag zu einer mit Spannung erwarteten Hauptversammlung nach London lädt, ein klares Zeichen an die enttäuschten Anleger: Seht her, wir meinen es ernst mit den Ankündigungen, uns zu verändern.

Bei Shell, von wo aus der Schweizer vor zwei Jahren zu ABB gewechselt war, erwartet Voser nun jede Menge Arbeit. Der niederländisch- britische Ölmulti steckt in einer der größten Krisen seiner Konzerngeschichte: Weil der über Jahre die Ölreserven um rund ein Viertel falsch einschätzte und dies vertuschte, musste fast das gesamte Top-Management im Frühjahr gehen.

Auf einen wie Voser hat die Shell-Gemeinde jetzt gewartet: Er kommt von außen, bringt frischen Wind mit. Bei ABB hat der 45-jährige, groß gewachsene Mann, der mit offenem Jackett und locker nach vorn gestrecktem Spielbein noch immer mehr nach Fußballer als nach Finanzchef aussieht, in den vergangenen zwei Jahren den schwierigen Umbau geschafft. Neben Konzernchef Jürgen Dormann ist es vor allem Voser, der nicht pokert, sondern die Probleme offen angeht. Intern gilt er als jemand, der hart in der Sache ist, aber konziliant im Ton. Dem Stürmer Dormann und seinem Libero Voser ist es zu verdanken, dass Banken und Investoren wieder Vertrauen zu ABB fassen. Voser tut Gutes und Dormann redet darüber. Um so härter trifft die Schweizer jetzt der doppelte Abgang. Im Februar kündigt Dormann an, sich auf die Aufgabe als Verwaltungsratspräsident bei ABB zu beschränken. Als Nachfolger benennt er Fred Kindle vom deutlich kleineren Industriegüterkonzern Sulzer und nicht Voser, der sich ebenfalls Hoffnungen auf den Chefsessel gemacht hat.

„Ich vertraue darauf, dass Peter Voser bleibt“, sagt Dormann, als er die Personalie bekannt gibt – trotzdem. Doch jetzt zieht Voser, über dessen Abgang bei ABB schon länger spekuliert wurde, die Konsequenzen daraus, dass Dormann ihn nicht gefragt hat. „Wenn er früher gegangen wäre, wäre es schlimmer gewesen“, tröstet sich ein Sprecher. Nach einem Nachfolger, der möglichst von außen kommen soll, wird bereits gefahndet. Doch Analysten fragen sich: Wer verlässt den Konzern als Nächster?

Auch bei Shell, da sind sich die Beobachter einig, könnte noch eine Reihe von Personalien anstehen, denn die wichtigen Investoren bemängeln vor allem die komplizierte Führungsstruktur in dem Traditionskonzern, die sich seit dem Zusammenschluss von Shell Transport and Trading und Royal Dutch Petroleum 1907 kaum verändert hat. Organisiert wie ein Gemeinschaftsunternehmen hat Shell vier Führungsgremien. Ein Vorstand führt die englische Shell Transport and Trading, die niederländische Royal Dutch hat Vorstand und Aufsichtsrat. Die aktuelle Krise offenbart: Die vielen Manager schaffen es nicht, am gleichen Strang zu ziehen.

Das Tagesgeschäft leitet ein übergeordnetes Gremium aus sechs Managing Directors, in das Voser nun als Nachfolger der geschassten Judy Boynton rückt. Shell ist darüber hinaus mit zwei unterschiedlichen Aktien an zwei Börsen gelistet. Seit dem Abgang des Briten Sir Philip Watts als Shell-Chef führt der Niederländer Jeroen van der Veer den Konzern. Und muss vor allem eines leisten: Das Vertrauen der Anleger wieder erlangen.

Große Investoren kritisieren, dass Shell nicht transparent genug sei. Erst auf massiven Druck legte das Management nun die Karten auf den Tisch: Man denke darüber nach, den britischen und den niederländischen Aufsichtsrat zusammenzulegen, hieß es kürzlich. Voser soll mit seinen ABB-Erfahrungen beim Großreinemachen helfen.

Analysten und Investoren begrüßen die Entscheidung für Voser. Der kenne den Konzern gut und habe die Fähigkeit, neue Wege zu gehen, heißt es. Die wird er finden müssen, denn noch immer ist unsicher, welche langfristigen Folgen das Reservendebakel hat: In den USA haben Anleger Sammelklagen eingereicht, Finanzbehörden diesseits und jenseits des Atlantiks ermitteln.

Voser muss bei Shell noch eine weitere Qualität zeigen. Während er bei ABB bewiesen hat, dass er einen Konzern abspecken kann, braucht Shell eher das Gegenteil. Der Multi muss verpasste Investitionen nachholen. Anders als Konkurrent BP ist Shell nicht genug gewachsen. Voser kann da einiges bewegen. Aber das Öl finden müssen andere.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%