Bei US-Firmenchefs ist es Konzept, die Mitarbeiter zu Jubelstürmen hinzureißen – für gute Stimmung, die Umsatz bringt
Der Unternehmenschef als Messias

Steve Ballmer springt auf die Bühne und brüllt ins Mikrofon. „Wie heißt die beste Firma der Welt?“ Hunderte von Microsoft-Angestellten, die sich an diesem sonnigen Morgen im Auditorium in Redmond im US-Bundesstaat Washington eingefunden haben, klatschen in die Hände und schreien „Microsoft, Microsoft, we are the best“.

HB LOS ANGELES.Die Stimmung steigt noch weiter, als plötzlich aus riesigen Lautsprechern der Queens- Song „We are the Champions“ ertönt, und Microsoft-Chef Ballmer unter tosendem Beifall Mr. Microsoft selbst, Bill Gates, auf die Bühne holt.

Keine 50 Kilometer weit entfernt in einem großen Saal im Stadtzentrum von Seattle. Howard Schultz hält eine Tasse Kaffee in die Menge und ruft laut: „Kaffee macht uns zu Millionären. Sagt allen Euren Bekannten, dass sie nur noch Starbucks-Kaffee trinken sollen.“ Auch hier, fast wie auf Knopfdruck, Applaus und schier unbändiger Enthusiasmus in der koffeingeladenen Belegschaft. Die Starbucks-Angestellten bejubeln ihren Vorstandsvorsitzenden wie einen Messias, der gerade den Aufbruch in ein neues Jahrtausend voller Glück und Zufriedenheit angekündigt hat.

Bei einem der unzähligen Company- Motivationstreffen des Wal-mart- Managements schnappte sich Marketing-Chef Robert Connely das Mikrofon und fordert die rund 400 Angestellten im Saal in Anaheim auf, das Mantra der Firma zu wiederholen: „Respektiere jedes Individuum, geben dein Bestes und sei für den Kunden immer da“, summen die Menschen im Saal. Ein bisschen erinnert es an eine Sekte.

Jubelstürme und ungeahnte Identifizierung mit dem Arbeitgeber. Nirgendwo sonst in der Welt wird dieser Umstand trotz Weißer–Kragen- Kriminalitätswelle derzeit mehr zelebriert als bei den Amerikanern. Der Vorstandschef nimmt dabei die Rolle eines Vorturners, eines Trainers an, dessen primäre Aufgabe es anscheinend ist, das Team, also die Belegschaft, anzufeuern: Willensstark, überzeugend, verkaufsorientiert.

Dieser Umstand wirkt fast schon surreal diesseits des Atlantiks, wo selbst Weihnachtsfeiern von Angestellten oftmals gemieden werden wie öffentliche Bahnhofstoiletten in der Abendstunde. In Amerika spielt er eine immer wichtigere Rolle in der Unternehmenskultur.

Robert Quinn ist Professor für Management an der University of Michigan. Er sagt, dass „Top-Manager heut zu Tage immer häufiger die Qualität eines hoch bezahlten Fußballtrainers aufweisen und durchaus gemeinsame Attribute aufweisen müssen“. So haben beide eine „Vorbildfunktion für ihre Mannschaft, lehren Aufopferung und Teamgeist“ und, fast noch wichtiger, „sie müssen die Mannschaft durch Krisen und Niederlagen manövrieren.

Dem stimmt sein Kollege, Noel Tichy, Autor und Professor für Management an der University von Michigan zu: „Der typische Vorstandsvorsitzende von heute muss seine Leute nicht mehr nur führen und motivieren können. Er muss sie begeistern und mitreißen können. Aber gleichzeitig muss er darauf achten, die Belegschaft nicht herumzukommandieren.“

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