Beliebter Standort
Im Osten was Neues

Deutsche Firmen nutzen Osteuropa verstärkt für Forschung und Entwicklung. Die Abwanderung gen Osten erfolgt teils auch als Reaktion auf den hemischen Fachkräftemangel. Aber die Region hat Unternehmen noch mehr Vorteile zu bieten – was den Standort Ost so beliebt macht.

PILSEN/DÜSSELDORF. Sibiu, Pilsen, Krakau – in deutschen Unternehmen gelten osteuropäische Städte und Regionen schon längst nicht mehr als exotisch. Klar, die niedrigen Produktionskosten locken. Aber nicht nur das: „Wir bekommen hier genau die Ingenieure, die wir brauchen“, frohlockt etwa Continental-Personalvorstand Heinz-Gerhard Wente, wenn er über die Standorte des Automobilzulieferers in Rumänien spricht.

Seit Jahresbeginn kooperiert der Konzern mit der Universität im rumänischen Sibiu und stiftet einen eigenen Lehrstuhl mit Unterstützung der Deutschen Entwicklungsgesellschaft. Denn: Das Talentreservoir in dem südosteuropäischen Land sei groß, schwärmt Wente.

Das sieht nicht nur Continental so. Unternehmen aus Deutschland forschen und entwickeln immer häufiger an osteuropäischen Standorten – eine Strategie, die angesichts des momentanen Fachkräftemangels in Deutschland eine neue Bedeutung erlangt. Aber das ist nicht der einzige Grund: Die Firmen rücken ihre F&E näher an die lokalen Märkte. Und auch wenn sie das nicht so gerne öffentlich betonen: Sie sparen nach wie vor Geld, obwohl die Gehälter bei den Fachkräften in Osteuropa schon deutlich gestiegen sind.

Seit Jahren bemängeln Unternehmen wie der Werkzeugmaschinen- und Laserspezialist Trumpf, aber auch der Sportwagenhersteller Porsche das Fehlen des Techniknachwuchses. Der Autozulieferer ZF Friedrichshafen sucht 250 Ingenieure und kaufte im Sommer kurzerhand den Ingenieurdienstleister Value Engineering Services in Pilsen. Der Jahresumsatz des tschechischen Unternehmens mutet mit 3,4 Mill. Euro bescheiden an. Aber viel bedeutender ist: Von einem Tag auf den anderen verleibte sich der hinter Bosch und Continental (inklusive Siemens/VDO) drittgrößte deutsche Autozulieferer quasi fast vor seiner Haustür 60 hochqualifizierte Ingenieure ein. Eine beachtliche Zahl im Vergleich zu den 250 Stellen, die der Konzern bis dato nicht besetzen kann.

Zwar verfügt der Getriebe- und Fahrwerkshersteller vom Bodensee bereits in Detroit und Schanghai über je rund 80 Entwickler. Doch dort sind die Ingenieure damit beschäftigt, spezifische Produkte für den US-Markt und für China zu entwickeln. In Pilsen ist das anders. Das künftig unter ZF Engineering Pilsen firmierende Unternehmen ist direkt der Entwicklungszentrale in Friedrichshafen zugeordnet. „ZF Engineering Pilsen wird zu einem wichtigen Baustein in der globalen Entwicklungsstrategie des ZF-Konzerns“, erläutert ZF-Chef Hans-Georg Härter. „Um mit neuen Produkten und Technologien wachsen zu können, müssen wir unsere Entwicklungskapazitäten marktnah ausbauen“, ergänzt der ZF-Vorstandschef die strategische Bedeutung der Übernahme.

Die Wahl sei unter anderem deshalb auf Pilsen gefallen, so Härter, weil die dortige Technische Universität viele Elektronik- und Mechatronik-Ingenieure ausbildet – hochqualifizierte Mitarbeiter jener Fachrichtungen also, die in Westeuropa kaum in der benötigten Zahl vorhanden sind. Das Unternehmen erwartet offenbar kaum Besserung; zumindest sind die Entwicklungskapazitäten am Standort Pilsen auf Expansion angelegt: Das Firmengebäude hat Platz für 150 Ingenieure, zudem besitzt ZF schon eine Kaufoption auf ein Nachbargrundstück. Neben dem Potenzial gut ausgebildeter Ingenieure sieht ZF die räumliche Nähe von Pilsen zur Zentrale am Bodensee als Vorteil.

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