Benoît Potier steht nicht auf Glamour
Der Verkäufer des Unsichtbaren

Leise baut Benoît Potier die Weltmarktführerschaft von Air Liquide aus – und zieht Linde immer mehr davon. Dabei strahlt der Air-Liquide-Chef die Gelassenheit derer aus, die es nie darauf anlegen, anderen etwas zu beweisen, außer sich selbst.

LYON. Madame Infusini hat Besuch. Der Gasmann ist da. Er trägt keine blaue Arbeitskluft, sondern Anzug und Krawatte, und zwischen Enkelfotos und einer Porzellanfigur in ewiger Pirouette sitzt er auf dem braunen Sessel wie der perfekte Schwiegersohn. Madame ist seit mehr als 60 Jahren lungenkrank. Sie atmet reinen Sauerstoff durch eine Maske, die per Schlauch an einer klobigen Beatmungsmaschine hängt.

Die rüstig-resolute Kundin hat dem Gasmann eine Menge zu sagen. „Die Masken kneifen. Der tragbare Sauerstoffspender ist zu schwer.“ Benoît Potier hebt ihn an. „Drei Kilo. Und wenn er nur ein Kilo wöge?“ „Wie viel Sauerstoff ginge dann hinein?“ fragt Madame Infusini skeptisch. „Genug für zwei Stunden.“ „Zu wenig: Ich brauche meine Autonomie!“ antwortet sie prompt.

Dann schüttelt sie ungläubig den Kopf. „Sie sind also der Chef von all diesen Leuten hier?“ „Ja, Madame.“ Aber der schlanke Konzernchef mit den sanften Augen hat nicht nur bei dem Techniker und dem Bereichsleiter, die mit im Wohnzimmer von Madame Infusini in Lyon sitzen, das Sagen. Der Chef von Air Liquide hat noch 31 898 weitere Untergebene in 65 Ländern. Sein Konzern ist weltweit die Nummer eins im Geschäft mit Industriegasen. Und durch die 2,7-Milliarden-Euro-Übernahme von zwei Dritteln des deutschen Konkurrenten Messer Griesheim im Januar hat er den Vorsprung von Air Liquide vor Praxair, BOC und Linde noch weiter ausgebaut.

Potier strahlt die Gelassenheit derer aus, die es nie darauf anlegen, anderen etwas zu beweisen, außer sich selbst. Glamourmanager wie Ex-Vivendi-Chef Jean-Marie Messier bringen ihn in Harnisch. Dann erlaubt er auch seinen Händen mitzureden. Aber schnell reihen sie sich wieder ein in seine disziplinierte Erscheinung. Nicht mal der Krawattenknoten scheint während des 18-Stunden-Tags ein Jota zu verrutschen. Sein flüchtiges Geschäft verlangt Disziplin. Seine Produkte sind unsichtbar: Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Helium, Argon, Kohlendioxid. Aber sie stecken überall: Sie entweichen beim Aufreißen einer Chipstüte, wo sie die Knabberei frisch halten. Sie blubbern in Cola und San Pellegrino. Sie jagen Ariane-Raketen in den Weltraum. Manchmal muss sogar Champagner – pst! – nachgesprudelt werden.

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