Berater-Kauderwelsch
Sprechen Sie Consultisch?

Können durch ein Total-Benefits-of-Ownership-Konzept die EPS gesteigert werden? Ich habe in einem Whitepaper gelesen, eine High-Level-Analyse hätte gezeigt, dass durch ein Commitment zu dem Konzept die Performance gesteigert würde ... Ein Plädoyer wider das Berater-Kauderwelsch mit inhaltsleeren Anglizismen und abstrusen Wortschöpfungen.

DÜSSELDORF. Mal ganz ehrlich: Haben Sie etwas verstanden? Unternehmensberater – pardon: Management Consultants – beglücken uns immer wieder mit neuen Wortschöpfungen, mit Abkürzungen und mit Anglizismen, die selbst ein Muttersprachler kaum begreifen würde. Warum? Weil manche Berater mit großen Worten die Schlichtheit ihres Tuns bemänteln wollen? Weil sie ein verbales Mysterium konstruieren müssen, das einen potenziellen Kunden verunsichert und ihm das Gefühl vermittelt: Ohne Berater finde ich mich in diesem Dickicht nicht zurecht?

Unternehmensberater, die das glauben, werden kaum erfolgreich sein. Ihnen sei eine Lehre ans Herz gelegt, die der chinesische Philosoph Konfuzius einst seinem Schüler Zi-lu erteilte. Danach befragt, was er als Erstes täte, wenn er ein Land zu regieren hätte, sagte Konfuzius: „Unbedingt die Worte richtig stellen. Der Edle ist vorsichtig und zurückhaltend, wenn es um Dinge geht, die er nicht kennt. Kennt er die Worte und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Misserfolg. Darum muss der Edle die Begriffe und Namen korrekt benutzen und auch richtig danach handeln können. Er geht mit seinen Worten niemals leichtfertig um.“

Gute Berater erkennt man daran, dass sie auf inhaltsleere Anglizismen verzichten. Es sind eher Halbprofessionelle und übereifrige Neulinge, die mit ihrem Berater-Kauderwelsch beweisen wollen: Ich gehöre dazu. Von Zeit zu Zeit begegne ich dem einen oder anderen ehemaligen Studenten, der bei mir seinen Abschluss gemacht hat und jetzt in einer großen Beratung arbeitet. Oft ist es kaum sechs Monate her, dass er das letzte Mal in meiner Vorlesung saß – und dann treffe ich ihn in Frankfurt, München, Düsseldorf und denke: Schade, war doch eigentlich ein netter Kerl. Er erzählt mir voller Begeisterung von seinem neuesten Projekt – und ich, Professor für Unternehmensberatung und zuvor selbst fast ein Jahrzehnt in der Branche tätig – verstehe nicht ein einziges Wort. Was, bitte, müssen da die Kunden denken? 

Um nicht missverstanden zu werden: In jeder Berufsgruppe gibt es Fachbegriffe, die einem besseren Verständnis innerhalb der Branche dienen. Weil die Beraterwelt stark von amerikanischen Firmen geprägt wurde, haben sich dort viele Anglizismen eingebürgert, die innerhalb der Branche problemlos verstanden werden. Doch eine Sprache, die eine Gruppe von Gleichgesinnten zusammenschweißt, grenzt diese Gruppe im Zweifel genauso wirkungsvoll von ihrer Außenwelt ab. Es reicht nicht, einen Fachbegriff fehlerfrei auszusprechen. Man muss die eigene Fachterminologie wirklich beherrschen – und das tut man erst dann, wenn man sie einem Dritten gegenüber mit einfachen und klaren Worten verständlich machen kann.

Vor allem IT-Berater haben seit jeher einen ungeheuren verbalen Erfindungsgeist an den Tag gelegt. Die eingangs wiedergegebenen Phrasen sind keine Erfindung – sie stammen fast wörtlich aus der Kundenzeitschrift eines großen Akteurs der Branche. Und sie zeigen, warum es vielen IT-Beratern so schwer fällt, auf der Vorstandsebene ihrer Kunden Gehör zu finden. Sie sind nicht in der Lage, sich in der Sprache der Vorstände verständlich zu machen.

Wie wichtig es ist, in der Sprache derjenigen zu kommunizieren, die man mit seinen Ideen erreichen will, erkannte bereits Martin Luther: „Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man deutsch reden soll, sondern die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt. Man muss ihnen auf das Maul sehen, hören wie sie reden, und danach übersetzen. So verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“

Dietmar Fink ist Professor für Unternehmensberatung und Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Managementforschung.

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