Beratungsfirmen ziehen Konsequenzen
Entnervt und ausgebrannt

Eine schnelle, steile Karriere, immer neue, aufregende Projekte und satte Gehälter – nach dieser einfachen Formel haben Beratungsunternehmen lange Zeit um die besten Studienabgänger geworben. Doch der Nachwuchs ist nicht mehr bereit, nur noch für die Karriere zu leben. Jetzt ziehen die Beratungsunternehmen die Konsequenzen aus der Arbeitsüberlastung.
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Lange Zeit mit Erfolg – aber inzwischen wirkt das Patentrezept nicht mehr so recht. Immer weniger junge Absolventen sind bereit, werktags bis nachts zu arbeiten und ihre einsamen Wochenenden in Hotelzimmern fern der Heimat mit Laptop und Kennzahlenvergleich zu verbringen. „Bei den jungen Bewerbern verdrängen Themen wie Work-Life-Balance und Arbeitsklima inzwischen Faktoren wie Reputation und Vergütung, wenn es um die Attraktivität von Beratungsunternehmen geht“, sagt Marc von Braun, der als Partner bei Goetzpartners Management Consultants in München für das Recruiting verantwortlich ist. „Die Leute sind zwar hoch motiviert, Spitzenbelastungen abzufedern, aber verständlicherweise nicht bereit, ständig in einer Art Ausnahmezustand zu arbeiten.“

Auch anderen Beratern ist aufgegangen, dass ihre alten Trümpfe nicht mehr stechen, wenn kaum noch jemand bereit ist, sein Privatleben bedingungslos der Karriere zu opfern. Drei von vier Studierenden, die sich vorstellen können, in einem Beratungsunternehmen zu arbeiten, halten es mittlerweile für wichtig, Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Das ist ein Ergebnis des „Absolventenbarometers 2007“, für das die Berliner Marktforschung Trendence 21 000 Studierende befragte. „Viele Absolventen die dem perfekten Profil entsprechen, haben keine Lust, 60 Stunden zu arbeiten“, sagt Trendence-Geschäftsführer Holger Koch.

Die gleiche Erfahrung macht Michael H. Kramarsch, Deutschland-Chef der Managementberatung Towers Perrin in Frankfurt: „Heute gibt es weniger Bereitschaft, sich ohne Wenn und Aber auf die Karriere einzulassen.“ Beratungsunternehmen, die darauf noch beharren, haben deshalb ein Problem. Denn viele Berufsstarter treten selbstbewusster auf als früher. Der Job soll zu ihnen passen und nicht sie zu irgendeinem Anforderungsprofil. Gerade die Top-Leute wissen, dass sie überall mit Kusshand genommen werden – nicht nur in der Beratungsbranche, auch in der Industrie warten spannende und gut bezahlte Aufgaben auf sie. „Wegen 1 000 Euro mehr geht niemand zu McKinsey“, sagt Marktforscher Koch.

Damit wird der neudeutsch Work-Life-Balance genannte Ausgleich zwischen Berufs- und Privatleben zum Bestandteil des Personalmarketings für die Beratungsindustrie. „Wer eine authentische und glaubwürdige Work-Life-Balance bieten kann, wird künftig die Nase ein Quäntchen weiter vorn haben“, sagt Koch. Schließlich unterscheiden sich die Beratungsfirmen in den Augen der Bewerber kaum – hohes Karrierepotenzial, gute Gehälter und die Chance auf eine Auslandsbeschäftigung bieten alle.

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