"Berlin ist faszinierend"
Konrad: Der theoretische Pragmatiker

Kai A. Konrad, ein führender deutscher Vertreter der modernen Wirtschaftswissenschaft, lebt viel in der Vergangenheit: In den Gebäuden des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), unweit vom Potsdamer Platz, residierte seit Ende des 19. Jahrhunderts das Reichsversicherungsamt, die oberste Aufsichtsbehörde der Bismarckschen Sozialversicherung. Und wenn Konrad dort an seinem Schreibtisch sitzt, dann blickt – in Öl gemalt und aus güldenem Rahmen – der strenge Reichskanzler auf ihn herab.

HB BERLIN. Hier also arbeitet der Direktor der Abteilung „Marktprozesse und Steuerung“ und erforscht zum Beispiel, warum eine auf lohnbezogene Beiträge gebaute Sozialversicherung ökonomisch so problematisch ist. „Vielleicht“, meint er mit augenzwinkerndem Seitenblick auf Bismarck, „sollte ich den Bilderrahmen mit Neonfarbe etwas verfremden.“

Kai Konrad, 1961 in Heidelberg geboren, gehört jener Generation deutscher Wirtschaftswissenschaftler an, die der Medienbetrieb noch nicht als „Starökonomen“ entdeckt hat – obwohl sie in der Fachwelt, national wie international, längst Rang und Namen haben. Im Falle Konrads ist dies unter anderem dadurch belegt, dass er schon mit 39 Jahren den renommierten Gossen-Preis des Vereins für Socialpolitik bekam – in Erinnerung an Hermann Heinrich Gossen (1810–1858), Mitbegründer der modernen Mikroökonomik.

Zu Konrads wegweisenden Leistungen gehört seine Auseinandersetzung mit der Theorie öffentlicher Güter. Als klassisches Merkmal öffentlicher Güter gilt, dass nur der Staat sie bereitstellen kann. Denn es geht – wie etwa bei innerer Sicherheit – um Güter, von deren Nutzen niemand ausgeschlossen werden kann, sobald sie einmal vorhanden sind. Genau deshalb will sie aber niemand freiwillig finanzieren: Jeder hofft, dass sich andere engagieren – und nichts geschieht, außer der Staat nimmt die Sache in die Hand.

So weit die hergebrachte Theorie. Konrad zeigte, wie das Trittbrettfahrer-Problem in der Realität sehr wohl auch mit Privatinitiative überwunden werden kann. Ein Beispiel lieferte er mit seinem Kollegen Amihai Glazer in dem Aufsatz „A Signaling Explanation for Charity“. Darin belegt er empirisch und theoretisch, warum in den USA sehr wohl jährlich Milliardenbeträge für Universitäten, Theater und wohltätige Zwecke gespendet werden.

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