Bernard Madoff
Auf Spurensuche in einer betrogenen Finanzwelt

Um unglaubliche 60 Mrd. US-Dollar hat Bernard Madoff seine Kunden erleichtert. In Amir Weitmanns neuem Buch "Der Jahrhundertbetrüger" kommen die Opfer zu Wort. Besonders spannend: Die vielen kleinen Details in den Geschichten, die den Betrüger theoretisch schon früher hätten entlarven können.
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FRANKFURT. Bernie Madoff hält die Welt in Atem. Die Ermittler, die Opfer, aber auch Buchautoren und-Autorinnen. Amir Weitmann ist der nächste, der versucht, einen geradezu unvorstellbaren Betrug zu erklären. Unvorstellbar, weil es um 60 Mrd. US-Dollar geht; eine sechs mit zehn Nullen. "Madoff - Der Jahrhundertbetrüger" heißt Weitmanns soeben erscheinenes Buch; oder: Chronologie einer Affäre.

Wie in Gottes Namen war es möglich, dass Bernard - überall nur Bernie genannt - Madoff die Finanzwelt betrog - jahrelang, ohne dass jemand Verdacht schöpfte? Nicht die Schauspieler und zahlreichen Stiftungen, die zu seinen Kunden zählten; nicht das nette Rentnerehepaar aus Nevada oder die Finanzexperten von der New Yorker Wall Street. Alle sind sie dem lieben, netten Bernie auf den Leim gegangen. Ihm und seinem ebenso einfachen wie wirksamen Schneeballsystem.

Der Wert des Buches von Weitmann liegt nicht darin, die Geschichte des Jahrhundertbetrugs zu erzählen, das haben außerdem andere schon getan. Er lässt die Opfer sprechen. Den Hedge-Fonds-Analysten aus Zürich, der seinen Namen lieber nicht in einem Buch oder der Zeitung lesen will; den französischen Industriellen aus St. Tropez oder das Rentnerehepaar Rose und Jack Less aus New York. Die Geschichten, die sie erzählen, sind trotz der ganz verschiedenen sozialen Hintergründe erstaunlich ähnlich. Sie alle waren auf der Suche nach einer relativ sicheren Form, ihr Geld beziehungsweise das Geld ihrer Kunden anzulegen. Keine allzu hohen Renditeerwartungen, keine Träumereien, keine Gier. Beständig sollte die Anlage sein - und vergleichsweise robust in Krisenzeiten. Bernie lieferte genau das. Acht bis zehn Prozent Rendite pro Jahr, selbst dann, wenn es an den Börsen nicht so gut lief.

Aber gibt es so etwas überhaupt? Die Experten, der Hedge-Fonds-Analyst aus Zürich etwa, hätten es besser wissen müssen. Doch auch sie haben Madoff vertraut, dem Geheimnisvollen, der Fragen nach seiner Anlagestrategie stets auswich. "Ich bin seit 40 Jahren im Geschäft, also vertrau mir!" sagte er, wenn einer seiner Kunden etwas intensiver nachhakte. Das musste ausreichen. Und das tat es in neun von zehn Fällen auch. Selbst die US-Finanzaufsicht hielt alles für rechtens, was im Hause Madoff vor sich ging.

Spannend für Weitmanns Leser sind die vielen kleinen Details in den Geschichten, die Madoff schon viel früher als Halunken hätten enttarnen können. Etwa die Weigerung Bernies, seinen Kunden zu erlauben, online auf ihr Konto zugreifen zu können, um die Bewegungen zu verfolgen. Bei jeder Wald- und Wiesenbank ist das möglich. Seit vielen Jahren schon. Madoff dagegen verschickte Kontoauszüge mit der Post. Eine Marotte eines älteren Herren, der mit der modernen Technik so recht nichts anzufangen weiß?

Hinterher sind alle schlauer.

Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen

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