Bernd Scheifele regiert die Merckle-Firmengruppe
Der gefundene Sohn

Patriarch Adolf Merckle überlässt dem 49-jährigen Manager Bernd Scheifele die höchste Position, die er zu vergeben hat. Scheifele hat sich schon so manches Mal bewährt an der Spitze von Merckle-Unternehmen.

STUTTGART. Es ist ein Hundswetter. Doch einer wie Bernd Scheifele lässt sich nicht davon abhalten. Er will vor Ort sein, bei seinen Leuten. Pünktlich um 14.30 Uhr steht der Vorstandschef vor den Mitarbeitern im Leimener Stammwerk von Heidelberg Cement.

Scheifele weiht einen neuen Großfilter für eine Trocknungsanlage ein. "Für mich ist so etwas selbstverständlich", sagt der 49-Jährige. Der Vorstandschef des größten deutschen Baustoffkonzerns nimmt sich auch für die kleinen Dinge Zeit, so wie man es sonst nur von mittelständischen Unternehmern kennt.

Und das auch am vergangenen Freitag. Einen Tag nachdem Scheifele zum starken Mann der Merckle-Gruppe aufgestiegen ist. Zur Gruppe von Adolf Merckle gehören Heidelberg Cement, der Generika-Hersteller Ratiopharm, der Pharmahändler Phoenix. Scheifele soll die neue Führungsgesellschaft der Gruppe mit 30 Milliarden Euro Umsatz und 100 000 Beschäftigten leiten. Adolf Merckle, der zu den reichsten Deutschen zählt, hat kurz vor seinem 74. Geburtstag am morgigen Dienstag eigentlich nur ein Problem: Der Selfmade-Milliardär hat vier Kinder und keinen echten Nachfolger, der ihm in Durchsetzungskraft und Bauernschläue gewachsen wäre. Aber er hat Bernd Scheifele. Ihm vertraut er wie einem Sohn und in diesem Fall sogar noch mehr.

So gesehen ist Scheifeles einziges Problem: Er heißt nicht Merckle. Dass er sich gegenüber den leiblichen Söhnen Merckles durchgesetzt hat, verwundert kaum jemanden, der ihn kennt. Seine intellektuelle Grundgeschwindigkeit ist enorm. Seine drei Lieblingswörter bei der Sanierung von Heidelberg waren "Speed, Speed und Speed". Wer schnell und präzise arbeitet, kommt in seiner Welt nicht in Hektik. "Umsetzungsgeschwindigkeit" nennt er als Maxime.

Für Merckle hat er schon so manche Kohlen aus dem Feuer geholt. Den Pharmahändler Phoenix hat er groß gemacht und sich damit die Lorbeeren für den Job bei Heidelberg verdient. Nach der Sanierung von Heidelberg Cement stemmte er im vergangenen Jahr den Kauf der britischen Hanson - mit zwölf Milliarden Euro die größte im Merckle-Reich jemals getätigte Übernahme.

Ursprünglich wollte Scheifele Medizin studieren. Doch dafür hätten seine Noten nicht gereicht, gibt er freimütig zu. Der gebürtige Freiburger war ein guter, aber kein hervorragender Schüler. Nach dem Abitur studierte er Jura. Er promovierte und stieg als Partner in der Wirtschaftskanzlei Gleiss Lutz Hootz Hirsch in Stuttgart ein. Damals war Fritz Oesterle, heute Chef des Pharmahändlers Celesio, sein Zimmernachbar. Beide bescheinigen sich gegenseitig einen gewissen Ehrgeiz, was natürlich auf der Hand liegt: An Selbstvertrauen mangelt es ihnen nicht.

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