Bernhard Termühlen hat MLP groß gemacht. Doch zuletzt war er eine Belastung für das Unternehmen.
Später Abgang eines Erfolgsmenschen

Es ist ein grauer Wintertag. Er markiert den Anfang vom Ende einer steilen Managerkarriere. In aller Herrgottsfrühe präsentiert MLP-Chef Bernhard Termühlen am 12. Februar dieses Jahres das „vorläufige Jahresergebnis“ des Finanzdienstleisters. Mit versteinerter Miene räumt er in der Firmenzentrale im kleinen Örtchen Wiesloch bei Heidelberg ein, dass er sich mit der bisherigen Bilanzierungspolitik völlig verrannt hat.

FRANKFURT. Statt eines erwarteten Gewinns gesteht er ein, dass MLP erstmals in seiner Firmengeschichte rote Zahlen geschrieben hat. Der Verlust von 114,5 Millionen Euro schockiert Börse und Analysten. Im Jahr zuvor glänzte Termühlen noch mit einem Gewinn von 151 Millionen.

„Wann treten Sie eigentlich zurück?“ rufen ihm Journalisten auf der Pressekonferenz zu. Doch diese Frage prallt an dem asketisch wirkenden ehemaligen Marathonläufer ab. Neben ihm sitzt Uwe Schroeder-Wildberg, der sich als neuer Finanzvorstand erstmals in der Öffentlichkeit zeigt. Der Gegensatz könnte nicht größer sein: Termühlen steht für die alte, undurchsichtige Struktur des Finanzdienstleisters – der vom Direktbroker Consors geholte Schroeder-Wildberg signalisiert Transparenz und Aufbruch. Während Termühlen schnell Abstand gewinnen will von der Pressemeute, geht der Neue auf die Journalisten zu und gibt ihnen seine Handynummer.

An diesem denkwürdigen Tag wäre jeder andere Vorstand eines Dax-Konzerns abgetreten. Aber der stets nach Macht und Anerkennung strebende MLP–Chef bleibt an seinem Sessel kleben. Erst am gestrigen Mittwochmorgen erklärt er seinen Rücktritt zum Jahresende, „aus persönlichen Gründen“.

Spätestens seit sich der Konzern Ende September eine neue Managementstruktur gegeben hatte, war einigen Beobachtern klar, dass der Abgang des 48-jährigen Westfalen vorbereitet wurde. Zuletzt habe Termühlen fahrig gewirkt und sei schlecht vorbereitet zu Besprechungen gekommen. „Seine Erfolge sind unbestreitbar, aber jetzt geht ein Ruck durch das Unternehmen“, meint ein Mitarbeiter. Der Heidelberger Finanzdienstleister, der mit der Beratung von Akademikern ein beneidetes Geschäftsmodell auf die Beine gestellt hat, ist Termühlens Lebenswerk. Er startete 1985 als Berater und arbeitete sich dank seines analytischen Geschicks schnell bis an die Spitze des Finanzvertriebs hoch: 1999 übernimmt er von Firmengründer Manfred Lautenschläger den Vorstandsvorsitz.

Termühlen kennt sich selbst in kleinsten Verästelungen des Versicherungsgewerbes aus. Viele Geschäftsstellenleiter und Berater aus den alten Tagen stehen bis heute zu ihm. „Die Aufbaugeneration vergöttert ihn“, meint ein Weggefährte. Termühlen sei Technokrat und Workaholic, „beseelt vom Erfolg“, den er im Sommer 2001 mit dem Aufstieg von MLP in den Deutschen Aktienindex (Dax) krönt – inzwischen ist MLP wieder abgestiegen.

Aber er habe viel zu wenig Gefühl für Kommunikation, findet jemand, der ihn gut kennt. Das bringt Termühlen in große Probleme. Am 16. Mai vergangenen Jahres veröffentlicht das Magazin „Börse-Online“ einen Bericht über angeblich unsaubere Bilanzierungsmethoden bei MLP, die Aktie bricht um ein Fünftel ein. Termühlen verheddert sich auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz in Einzelheiten. Die Öffentlichkeit spricht von einem „Kommunikationsdesaster“. In den folgenden Monaten muss sich der stets makellos gebräunte Wirtschaftsingenieur gegen immer neue Anschuldigungen wehren. Er lässt Gutachten erstellen, bemüht Professoren.

Dann kommt der Tiefschlag. Im Juli durchsucht ein Großaufgebot von Staatsanwälten, Polizei und Landeskriminalamt die Firmenzentrale und die Privathäuser von Vorständen und Aufsichtsräten, der Verdacht auf Bilanzfälschung schickt die Aktie tiefer in den Keller. Im Oktober sind wieder die Ermittler da.

Obwohl sie bis heute nichts entschieden haben, kommt MLP aus den Schlagzeilen nicht heraus – Berichte über Wanzen in der Firmenzentrale, Kampagnen von Hedge- Funds und die angebliche Sex-Affäre eines Vorstands beschädigen das Image von MLP – und von Termühlen.

Der Firmenchef, der meist mit leiser Stimme spricht und nach außen immer beherrscht wirkt, verliert immer öfter die Fassung. Die Berater, wichtigster Vermögensposten der Firma, werden unruhig, viele Anfänger verlassen nach kurzer Zeit das Unternehmen. Ein Personalberater, der sich dazu öffentlich äußert, wird am Telefon vom MLP-Chef mit erregter Stimme zurechtgewiesen. Das Verhältnis zwischen ihm und Aufsichtsratschef Lautenschläger ist nicht mehr spannungsfrei.

Jetzt sucht der Aufsichtsrat einen Nachfolger für Termühlen. Der findet sein Glück jetzt auf dem Rücken der Pferde. Der passionierte Reiter wolle sich in Norddeutschland „der Familie, den Traktoren und Pferden widmen“, so ein Pressesprecher.

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