Berufsverband der Rechtspfleger: Verwaltung von Mündelgeld wird immer schwieriger
Moderne Finanzprodukte überfordern die Gerichte

Deutsche Gerichte fühlen sich von der Komplexität moderner Finanzprodukte immer häufiger überfordert. Sie kommen damit vor allem bei der Verwaltung von Vermögen für Mündel in Berührung.

DÜSSELDORF. Die stellvertretende Vorsitzende des Verbandes der Rechtspfleger (VdR), Christine Germer-Paezold, kritisiert das Fehlen eines Leitfadens für die Prüfung solcher Anlagen. Die Gerichtsmitarbeiter verließen sich deshalb meist auf die Darstellung der Banken. Auf Bewertungen von Rating-Agenturen wie Standard & Poor?s greifen die Rechtspfleger fast überhaupt nicht zurück, weil viele diese Möglichkeit schlichtweg nicht kennen.

Wer heute Vermögen nicht geschäftsfähiger Personen, sogenanntes Mündelgeld, verwaltet, hat es nicht leicht: Er darf eigentlich nur in bestimmte Anlagen mit höchster Sicherheit investieren. Genau diese Anlageformen werfen allerdings derzeit wenig Ertrag ab. So sind etwa die Renditen von Bundes- und Länderanleihen extrem niedrig. Bei inländischen Hypothekenforderungen sieht es ähnlich aus. Wenn das Vormundschaftsgericht zustimmt, erlaubt das Gesetz den Betreuern aber auch Engagements in Anlagen wie Aktien- oder Rentenfonds. Doch die Rechtspfleger der Gerichte, die das Risiko der einzelnen Finanzprodukte einschätzen müssen, sind mit der Aufgabe überfordert, beklagt der Berufsverband. Die Gefahr, dass sichere Anlagen abgelehnt und vermeintlich sichere genehmigt werden, sei entsprechend groß.

Im Jahr 1999, auf dem Hoch des Börsenbooms, hatten beispielsweise gleich mehrere Gerichte den Kauf des Medienfonds Deka-TeleMedien TF mit Mündelgeld genehmigt. Von einem damaligen 100-Euro-Einsatz in den Aktienfonds sind heute noch 36 Euro übrig. Seit dem Höchststand im Jahr 2000 hat die Anlage sogar rund 70 Prozent ihres Wertes eingebüßt.

Für den Rechtsprofessor der privaten Frankfurter Hochschule für Bankwirtschaft (HfB), Christoph Schalast, sind solche Entscheidungen nicht verwunderlich: Zwar sei die juristische Ausbildung der Rechtspfleger gut, doch Investmentbanker seien sie eben nicht - es fehle ihnen an Sachwissen. Da aber auch die Rechtspfleger von der Börsenbaisse des Jahres 2000 verschreckt wurden und bei Fehlentscheidungen Schadenersatzforderungen drohen, beherrscht momentan vor allem große Vorsicht den Berufsstand. Es wird lieber einmal mehr abgelehnt als zugestimmt. Aktienfonds werden so gut wie gar nicht mehr zugelassen.

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