Betrugsfall am Schweizer Finanzplatz
Hiobsbotschaft für Jesaja

Besonders vermögende Kunden betreut die israelische Bank Leumi in ihrer Schweizer Niederlassung. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft in Zürich die Anklage gegen den ehemaligen Leiter des Private Bankings der Bank und sechs weitere Beschuldigte erhoben. Damit kommt einer der größten Betrugsfälle der Schweizer Bankenwelt vor Gericht.

ZÜRICH. Der 3. Januar 2001, so schildert es Buchautor Leo Müller in seinem Werk "Tatort Zürich", beginnt bei der Bank Leumi unweit des still plätschernden Zürichsees als ruhiger Tag. Das zwinglianische Zürich hat tags zuvor den traditionellen "Berchtoldstag" gefeiert. Auch die überwiegend jüdischen Angestellten des Schweizer Ablegers der größten israelischen Bank haben sich den zusätzlichen Tag Pause gegönnt. Meir Grosz ahnt nicht, als seine Sekretärin einen Anrufer in sein Chefzimmer durchstellt, dass er dieses Datum nicht mehr vergessen würde.

Die Staatsanwaltschaft in Zürich hat später die Vorgänge rund um diesen Tag vor knapp sechs Jahren sorgfältig recherchiert. Sie hat jetzt Anklage gegen den ehemaligen Leiter des Private Bankings der Bank Leumi und sechs weitere Beschuldigte erhoben. Damit kommt einer der größten Betrugsfälle der Schweizer Bankenwelt vor Gericht. Nach Auskunft von Staatsanwalt Marc Jean-dit-Bressel geht es um Betrug, Veruntreuung und Urkundenfälschung. Die Affäre kostete die Bank Leumi 117 Millionen Franken, eine Versicherung musste zusätzlich mit 87 Millionen einspringen. Weil zuvor bei der Bank nicht zuletzt durch die später aufgeflogenen Praktiken glänzend verdient wurde, fragt Bernhard Rambert, Anwalt des Hauptbeschuldigten: "Wer ist eigentlich das Opfer?" Die Bank selbst lässt mitteilen, sie sei "erfreut" über die Anklageerhebung, weil damit ein Ende der Affäre in Sicht sei. Ob das die Gefühlslage bei Leumi tatsächlich treffend beschreibt, ist fraglich. Die jahrelangen Recherchen der Ermittler haben die korrupte Seite des Schweizer Bankensystems offen gelegt wie niemals zuvor.

Zurück zum Anruf: Die Stimme am Telefon stammt aus Deutschland. Ein guter Kunde will Portfoliomanager Ernst Imfeld sprechen, um sich nach seinen Kontoständen zu erkundigen. Aber Imfeld, der als Sohn einer Schweizer Hoteliersfamilie tadellose Manieren und den richtigen Ton gelernt hat, gönnt sich noch eine Auszeit, räkelt sich in der Sonne Floridas und hat ganz gegen seine Gewohnheit sogar sein Handy ausgeschaltet. Imfeld ist der Star bei Leumi. Ihm werden prophetische Gaben zugeschrieben. Die "Jerusalem Post" vergleicht seine Analysen mit den Vorhersagen biblischer Helden wie Jeremia oder Jesaja. Imfeld ist eine tragende Säule beim Leumi-Ableger in der Schweiz, von wo aus die vermögenden Kunden der ehemaligen israelischen Staatsbank betreut werden.

Ab einer gewissen Summe bedient bei Leumi auch der Chef; und der Anrufer aus Deutschland gehört zu dieser Klientel, die Kontoauszüge auf Papier nicht sonderlich schätzt. Grosz unterrichtet ihn also über seine finanzielle Situation: seine Geldanlagen, seine Aktien bei einer US-Firma und seine Schulden in Höhe von 4,1 Millionen Dollar. Darauf herrscht in der Leitung Schweigen. Dann erwidert der Anrufer, das sei nicht sein Konto. Er habe weder Aktien, noch wisse er etwas von irgendwelchen Schulden. Grosz dürfte ins Schwitzen gekommen sein. Hektische Telefonate folgen. Schließlich gelingt es ihm, Imfeld in Florida aufzutreiben, der auf einmal gar nicht mehr so selbstsicher wie sonst klingt: Ja - es seien Millionen verbrannt worden. Und ja - der deutsche Anrufer sei nicht der einzige seiner rund 200 gutbetuchten Kunden, der ein Loch in der Kasse haben könnte. Imfeld hat mit dem Geld seiner Kunden spekuliert und beim Börsencrash einen Teil davon verloren. Die Löcher auf einem Konto versucht er mit Überweisungen von einem anderen zu stopfen, bis das fragile System durch jenen außerplanmäßigen Anruf am 3. Januar zusammenbricht.

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