Betrugsvorwürfe gegen Wiener Vermögensverwalter – Viele deutsche Kunden betroffen
Anlagefirma schafft Millionen beiseite

Ein Anlageskandal in Österreich lässt rund 16 000 Anleger zittern, davon etwa 6 000 in Süddeutschland. Der Verbleib von bis zu 140 Mill. Euro ist ungeklärt. Die Finanzmarktaufsicht in Wien spricht bereits "vom größten Schadensfall in Österreich".

WIEN. Nach Aussage von deutschen Anwälten handelt es sich um den ersten grenzüberschreitenden Fall dieser Größenordnung. Und seit gestern sind die Chancen erneut gesunken, dass Anleger noch etwas von ihrem Geld wiedersehen.

Passiert ist folgendes: Die Wiener Finanzfirma Asset Management Investment Services (Amis) hat über ihre Tochtergesellschaft Amis Financial Consulting Geld von Anlegern in Deutschland und Österreich eingesammelt und es in luxemburgische Fonds investiert. Dabei diente Luxemburg offenbar nur als Zwischenstation zu einem Treuhänder auf den Cayman-Inseln, was für die Anleger aber nicht zu erkennen war.

Was mit dem Geld genau passierte, ist bislang noch nicht geklärt. "Offene Fragen der Kundenbuchhaltung" führten schließlich Ende August dazu, dass in die schmucken Räume der Amis-Zentrale an der Wiener Favoritenstraße mit Martin Wagner ein Regierungskommissar einzog. Er wurde von der österreichischen Finanzaufsichtsbehörde zwangsweise eingesetzt und soll Betrugsvorwürfe von Anlegern klären. Das Amis-Management versicherte umgehend, mit dem Kommissar zusammenzuarbeiten und laufend über Ergebnisse zu informieren. "Auszahlungen auf Amis-Produkte" seien jedoch bis auf weiteres "leider nicht mehr möglich", heißt es in der letzten Mitteilung der Geschäftsführung.

Der Kommissar förderte zu Tage, dass das Guthaben, über das Amis verfügte, noch aus genau 19,53 Euro bestand. Er brachte die Gesellschaft in der vergangenen Woche vor den Konkursrichter. Zuvor hatte der Aufseher bereits Strafanzeige gestellt. Der Vorwurf lautet "schwerer gewerbsmäßiger Betrug". Amis-Vorstand Thomas Mitter wanderte in Untersuchungshaft. Zwei weitere Verantwortliche des Unternehmens werden per Haftbefehl gesucht. Sie sind untergetaucht.

Gestern sollte sich entscheiden, ob die Tochterfirma Amis Financial Consulting, die vor drei Jahren vom Mutterkonzern abgespalten worden ist, verkauft werden kann. Nach Informationen des Handelsblatts ist dieser Versuch wohl fehlgeschlagen. Interessenten sprangen ab, weil sie nicht nur Schulden hätten begleichen müssen, sondern auch möglicherweise für Verfehlungen des Mutterkonzerns haftbar gemacht werden könnten. Damit sind die Aussichten der Anleger, zu ihrem Geld gekommen noch einmal gesunken.

Ihre Hoffnungen ruhen nun auf der "Anlegerentschädigung der Wertpapier-Dienstleistungsunternehmen", einem Einlagensicherungsfonds, zu dem sich etwa 80 österreichische Wertpapierdienstleister zusammengefunden haben. Auch Amis ist Gesellschafter dieser Einrichtung zur Anlegerentschädigung.

Das Problem ist allerdings, dass der Entschädigungstopf nur 40 000 Euro Stammkapital enthält, das im Ernstfall von den Wertpapierdienstleistern um bis zu zehn Prozent ihres jeweiligen Eigenkapitals aufgestockt wird. Ob das Geld reicht und "ob der Entschädigungsfall juristisch überhaupt vorliegt", sei noch nicht entschieden, sagt Klaus Grubelnik, Sprecher der Finanzmarktaufsicht in Wien. Er befürchtet einen "Rattenschwanz von Klagen".

Das erkennen inzwischen auch zahlreiche Anwälte. Aus Frankfurt, Bremen und Tübingen meldeten sich gestern Kanzleien zu Wort, die darauf hinwiesen, dass sich Betroffene organisieren und gemeinsam ihre Ansprüche geltend machen sollten. Einer von ihnen ist Andreas Tilp, dessen Tübinger Kanzlei am vergangenen Freitag mit Frankfurter Anwaltskollegen die "Arbeitsgemeinschaft Amis" gegründet hat. Tilp vertritt bereits die Kleinanleger der deutschen Telekom und macht Amis-Geschädigten Hoffnung: Auf der Luxemburger Depot-Bank liegen nach seiner Einschätzung möglicherweise noch rund 60 Mill. Euro, die unter den Betroffenen verteilt werden können.

Anlageprozesse

Deutsche Telekom: Das Frankfurter Landgericht muss klären, ob rund 15 000 Kleinaktionären Schadensersatz von insgesamt rund 100 Mill. Euro zusteht. Die Telekom hat aus Sicht der Kläger wichtige Angaben zu ihrem Vermögen in Prospekten für die Börsengänge 1999 und 2000 nicht gemacht.

Phoenix Kapitaldienst: Der Firma wird vorgeworfen, 30 000 Anleger um einen dreistelligen Millionenbetrag geprellt zu haben. Insgesamt haben Anleger dem Unternehmen für Terminmarkt-Spekulationen rund 800 Mill. Euro überwiesen.

Amis: Kunden in Deutschland und Österreich bangen um bis zu 140 Mill. Euro, die sie dem Wiener Vermögensverwalter anvertraut haben.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%