Beurlaubter „Spiegel“-Chefredakteur Aust
Trotzig bis zuletzt

Der beurlaubte Chefredakteur Stefan Aust kämpft um einen gerechten Abschied beim „Spiegel“. Mit dem öffentlich ausgetragenen Disput um einen vergoldeten Abgang verärgert er die zurückgebliebene Mannschaft. Die neuen Chefredakteure Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo arbeiten – und schweigen.

DÜSSELDORF. Auf seine Popularitätskurve hat Stefan Aust noch nie geachtet. Der beurlaubte „Spiegel“-Chefredakteur hat offenbar auch nicht vor, dies zu ändern. Mit immer neuen Interviews verscherzt sich der renommierte Journalist bei seinem bisherigen Arbeitgeber die letzten Sympathien.

Ausgerechnet im Radio seines ehemaligen Arbeitgebers NDR wehrt sich Aust gegen Behauptungen, er habe einen Kompromiss vor Gericht verhindert. „Die sind erst nach zweieinhalb Monaten mit einem Angebot gekommen, am vergangenen Donnerstag, und das sollte ich bis Samstag 18.00 Uhr annehmen“, sagt er. Dies sei kein Verhandlungsvorschlag gewesen.

Armin Mahler, Vorsitzender der Mitarbeiter-KG des „Spiegel“, sieht dies im NDR anders: Aust habe das Angebot „offenbar nicht gereicht“. Die Mitarbeiter-KG hält 50,5 Prozent der Anteile am Spiegel-Verlag.

Der öffentlich ausgetragene Disput um einen vergoldeten Abschied nach 13 Jahren an der Spitze von Deutschlands größtem Nachrichtenmagazin ärgert die zurück gebliebene Mannschaft im „Spiegel“-Haus an der Brandswiete. „Das Verhalten ist doch infantil und trotzig“, hieß es in den Mitarbeiterreihen über Austs Reaktion.

Der 61-Jährige musste am Dienstag mit sofortiger Wirkung seinen Chefsessel räumen. Am Montag war keine Einigung zwischen dem streitbaren Journalisten und dem Spiegel-Verlag über die Kündigung Austs zum Jahresende erzielt worden. Über dessen Kündigungsschutzklagen soll am 7. Mai vor dem Hamburger Arbeitsgericht weiterverhandelt werden, falls man sich nicht außergerichtlich einigt.

Aust, der journalistische Überzeugungstäter und leidenschaftliche Pferdenarr, ist erst einmal froh, über keinen Schreibtisch beim „Spiegel“ mehr zu verfügen. „Ich bin erleichtert, dass das Theater ein Ende hat. Ich habe bis zum letzten Tag meine Arbeit ordentlich gemacht, aber offenbar reichte das nicht aus“, sagte er mit zynischem Unterton der „Bild“. Seine beiden Nachfolger, der langjährige Spiegel-Online-Chef Mathias Müller von Blumencron, 47, und der Berliner Spiegel-Bürochef, Georg Mascolo, 43, haben sich ihren Neuanfang anders vorgestellt. „Die beiden sehnen sich einfach nach Ruhe“, heißt es im Kollegenkreis. „Für uns hat die Arbeit jetzt Vorrang.“

Das neue Duo hat beim „Spiegel“ viel zu tun. Denn das Selbstbewusstsein des stolzen Nachrichtenmagazins hat in den vergangenen Wochen unter der unseligen Suche nach einem Aust-Nachfolger stark gelitten. Während der Konkurrent „Focus“ in München sein 15-jähriges Bestehen glamourös inszenierte, plagten den „Spiegel“ Spekulationen und Peinlichkeiten bei der Chefsuche. Eigentlich hatten sich die Mitarbeiter-KG und der Minderheitsgesellschafter Gruner+Jahr, eine Tochter des Medienkonzerns Bertelsmann, schon auf den ZDF-Nachrichtenmann Claus Kleber als „Spiegel“-Chef geeinigt. Doch dann sagte der Mainzer Moderator überraschend ab – eine Kränkung für die „Spiegel“-Mannschaft in Hamburg.

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