Bilanzfälschung Schleckers Wirtschaftsprüfer weisen Vorwürfe zurück

Im Schlecker-Prozess sind auch zwei Wirtschaftsprüfer der Gesellschaft EY angeklagt. Sie sollen Bilanzfälschung bei dem Drogerieimperium gedeckt haben. Von der prekären Finanzlage wollen sie aber nichts gewusst haben.
Update: 20.03.2017 - 16:06 Uhr Kommentieren
Der 72-jährige frühere Drogeriemarktkönig steht wegen Insolvenzverschleppung und vorsätzlichem Bankrott vor Gericht. Quelle: dpa
Anton Schlecker auf dem Weg ins Gericht

Der 72-jährige frühere Drogeriemarktkönig steht wegen Insolvenzverschleppung und vorsätzlichem Bankrott vor Gericht.

(Foto: dpa)

StuttgartIm Pleiteprozess gegen den früheren Drogeriemarkt-Unternehmer Anton Schlecker haben die mitangeklagten Wirtschaftsprüfer des Beratungsunternehmens EY ihre Unschuld beteuert. Die rund 320 Millionen Euro, die die Familie Schlecker in einer Art Ringtausch als Eigenkapital der Bilanz des Unternehmens zuschossen, waren nach Darstellung der beiden Prüfer korrekt verbucht.

„Das war ein gesundes Unternehmen“, sagte der mittlerweile im Ruhestand weilende Prüfer Klaus M. am Montag vor dem Landgericht Stuttgart. „Wir haben bis zuletzt unter dem Gesichtspunkt geprüft, dass eine Insolvenz nicht infrage kommt.“ Noch bei einer Besprechung im August 2011 – ein halbes Jahr vor dem Bankrott – habe Schlecker in einem Gespräch persönlich die Liquidität der Firma bestätigt. Er forderte zudem die Abspaltung ihres Verfahrens von dem der Schlecker-Familie.

Die Experten räumten allerdings ein, dass sie nur die Bilanz des Einzelkaufmanns Anton Schlecker prüften, dabei aber keinen Einblick in die Finanzlage des Privatmannes haben konnten. Obwohl beim Einzelkaufmann Person und Firma eins sind, herrscht hier demnach rechtlich keine Transparenz. Zudem gab es einem der Prüfer zufolge zwischen 2007 und 2011 nur zwei persönliche Treffen mit Anton Schlecker. Der 72-jährige frühere Drogeriemarktkönig steht wegen Insolvenzverschleppung und vorsätzlichen Bankrotts vor Gericht. Seine Ehefrau Christa Schlecker und die beiden Kinder Lars und Meike Schlecker sitzen wegen Beihilfe mit auf der Anklagebank.

Den Beratern von EY (Ernst & Young) werfen die Strafverfolger vor, stille Einlagen von Lars und Meike Schlecker sowie ein Darlehen der beiden an ihren Vater fälschlich als Eigenkapital genehmigt zu haben. Die Wirtschaftsprüfer hätten deshalb einen falschen Bestätigungsvermerk für die Bilanzen 2009 und 2010 erteilt – eine Straftat, die im Fall eines Schuldspruchs mit Geldstrafen oder Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren geahndet werden kann. Im Fall des Darlehens von 50 Millionen Euro, das die Schleckers über die Logistikfirma des Drogerieimperiums LDG dem Vater übertrugen, sind sich die Prüfer sicher: Auch ein Einzelkaufmann könne so wie jeder andere Gesellschafter einen Kredit aufnehmen und dies über eine Privateinlage in Eigenkapital umwandeln.

Ob die stillen Einlagen, die sich von 1999 bis 2009 auf 270 Millionen Euro summierten, als Eigenkapital gelten, ist dagegen Auslegungssache. „Die bilanzielle Behandlung stiller Einlagen gehört zu den umstrittensten Themen des Bilanzrechts“, erklärte Klaus M., der früher ehrenamtlich für das renommierte Institut der Wirtschaftsprüfer aktiv war. Es gebe unter Juristen dazu keine einheitliche Meinung. Entscheidend sei, wie die Kapitalüberlassung gestaltet sei. Im Fall Schlecker habe aus Sicht von EY aber nichts gegen die Bilanzierung gesprochen.

Anton Schlecker entnahm Eigenkapital, schenkte es seinen Kindern, und diese führten es wieder als Einlagen stiller Gesellschafter zurück in die Bilanz. Schlecker habe damit seine Kinder in das Unternehmen einbinden wollen, ohne die Rechtsform des „eingetragenen Kaufmanns“ mit ihm als Alleinunternehmen ändern zu müssen. Die stillen Einlagen waren damit langfristig für das Unternehmen ausgelegt. Sie wurden mehrmals erhöht.

Eine Familie auf der Anklagebank
Prozessauftakt
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Es war eine der aufsehenerregendsten Firmenpleiten der vergangenen Jahre. 2012 musste die Drogeriemarkt-Kette von Anton Schlecker (Mitte) Insolvenz anmelden, mehr als 25.000 Mitarbeiter in Deutschland verloren ihren Job. Nun hat der Prozess gegen Anton Schlecker und seine Familie vor dem Landgericht Stuttgart begonnen.

Auf der Anklagebank
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Allein schon die Anwesenheit des Firmenpatriarchen (r.) ist eine kleine Sensation. Denn Schlecker meidet die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten. Vor Gericht muss er allerdings persönlich erscheinen. „Nach der Strafprozessordnung muss grundsätzlich in Anwesenheit des Angeklagten verhandelt werden“, sagt eine Gerichtssprecherin.

Vorsätzlicher Bankrott?
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Die Staatsanwaltschaft wirft Anton Schlecker vorsätzlichen Bankrott vor. In insgesamt 36 Fällen soll er Vermögenswerte zur Seite geschafft zu haben, die eigentlich in die Insolvenzmasse gehörten, aus der Gläubiger bedient werden sollen. Außerdem soll er falsche Angaben in den Bilanzen des Drogerie-Imperiums gemacht haben.

Langer Prozess
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„Was den Fall ungewöhnlich macht, ist die Dimension“, sagt der Jura-Professor Matthias Jahn von der Universität Frankfurt. „Die Anklageschrift umfasst 270 Seiten.“ Das allein sei schon ein Indiz dafür, dass es sehr kompliziert sei. Auch die 26 Termine, die das Landgericht bis Oktober zunächst anberaumt hat, deuteten darauf hin, dass es ein komplexes Verfahren werde.

Anton Schlecker
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Der 72-Jährige ist der große Unbekannte. Selbst örtliche Politiker und Wirtschaftsvertreter haben kaum Kontakt zu ihm. Nach der Pleite soll sich Anton Schlecker auch von Vertrauten zurückgezogen haben. Nun zeigte er sich beim Prozessauftakt der Öffentlichkeit.

Anton Schlecker im Jahr 1999
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Der gelernte Metzgermeister eröffnete 1975 den ersten Schlecker-Markt. Bereits zwei Jahre später betrieb er schon mehr als 100 Filialen. Er baute ein Imperium auf und beschäftigte in Glanzzeiten mehr als 55.000 Menschen. Konkurrent Dirk Roßmann, der Schlecker und dessen Frau seit Jahren kennt, sagte jüngst in einem Beitrag des SWR: „Fleißig waren die beiden, unglaublich.“ Außerdem seien sie hilfsbereit und großzügig gegenüber Freunden.

Christa Schlecker
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Über Anton Schleckers Frau ist am wenigsten bekannt. Sie wird als „resolut“ beschrieben. Christa Schlecker galt als enge Vertraute Antons und soll zusammen mit ihm das berüchtigte Kontrollnetz über Mitarbeiter errichtet haben.

Die Darstellung der Wirtschaftsprüfer widerspricht damit nicht der von Schlecker selbst dargelegten, wonach der Unternehmer von seiner Pleite Anfang 2012 überrascht war. Schlecker hatte erklärt, er habe so wie schon in früheren schwierigen Situationen einen Ausweg gesehen.

Nach Überzeugung der Anklage war das Unternehmen bereits 2009 pleite, die Insolvenz wurde aber erst Anfang 2012 angemeldet. Schlecker habe zu diesem Zeitpunkt weder nennenswertes Vermögen gehabt, um die seit Jahren angefallenen Verluste auszugleichen, noch Aussicht auf Kredite.

Die Anwälte der mitangeklagten Christa, Lars und Meike blockten vor Gericht abermals eine Darstellung ihrer aktuellen Verhältnisse ab. Richter Roderich Martis eröffnete deshalb die Beweisaufnahme in dem Mammutprozess, die für alle Beteiligten mit der Lektüre von zwei dicken Ordnern Dokumenten losgeht.

  • rtr
  • dpa
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