Bilanzierung
Wie sich Konzerne die Zukunft schönrechnen

In guten Zeiten haben Manager viele Firmen zu teuer eingekauft. Jetzt lasten hohe Risiken in den Unternehmensbilanzen. Die Krise wäre eigentlich ein perfekter Anlass gewesen, um aufzuräumen. Doch diese Chance wurde verpasst.
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DÜSSELDORF/FRANKFURT. Deutsche Konzerne haben Bewertungsrisiken von mehr als 190 Mrd. Euro aufgetürmt. Sie sind das Erbe überteuerter Firmenzukäufe. Mit weitreichenden Folgen: Müssen Vorstände ihre Geschäftspläne revidieren, kann das bedrohliche Abschreibungen zulasten des Gewinns auslösen. Die Chance, in der Krise diese Goodwill genannten Risiken herunterzufahren, haben die Manager vergeben.

Experten warnen vor einer gefährlichen Bewertungsblase in den Bilanzen. Allerdings wird der riskante Kurs der Manager von der internationalen Bilanzierungsnorm IFRS gedeckt. Selbst Herbert Meyer, Chef der Bilanzpolizei und eigentlich ein zurückhaltender Mensch, wird bei diesem brisanten Thema ungewohnt deutlich: "Die IFRS-Bilanzregeln geben den Managern großen subjektiven Bewertungsspielraum bei den Goodwill-Abschreibungen. Und dieser Spielraum wird auch genutzt", sagt der Chef der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung.

Meyer muss es wissen. Seine Mannschaft prüft jährlich 120 Jahresabschlüsse auf korrekte Einhaltung der Bilanzrichtlinien.

Und immer wieder fällt ihm auf, dass Vorstände die Zukunft ihrer Unternehmen rosig malen. Angesichts der Wirtschaftskrise sogar zu rosig, meinen Experten. Denn wenn Wachstumserwartungen infolge der weltweiten Rezession revidiert werden, müsste das auch Korrekturen in den Firmenplanungen auslösen. Müsste es, hat es aber nicht: "Dass die Unternehmen in der Krise ihre Firmenwerte nur in so geringem Umfang abgeschrieben haben, erstaunt mich", sagt Karlheinz Küting, Direktor am Centrum für Bilanzierung und Prüfung (CBP) der Uni Saarbrücken "Das spiegelt nicht die Realität wider."

Auch Kurt Göllert, Professor an der Fachhochschule Worms, ist überzeugt, dass die Unternehmen trotz Finanzkrise nicht die notwendigen Abschreibungen vorgenommen haben. Manager und Wirtschaftsprüfer, die die Jahresabschlüsse testieren, bestreiten dagegen, dass Wertberichtigungen in größerem Ausmaß nötig sind. "Das Abschreibungsvolumen ist zwar gering", räumt Matthias Schmusch, Partner bei Ernst & Young, ein, "aber unter den gegebenen Rahmenbedingungen nachvollziehbar."

Darum geht es: Bei Übernahmen werden Prämien gezahlt, die in der Regel deutlich über dem neu bewerteten Vermögen der gekauften Firma liegen - laut einer Studie der Beratungsfirma KPMG beträgt die Prämie häufig 50 Prozent. Dieser Geschäfts- oder Firmenwert (Goodwill) drückt die Zukunftserwartung des Managements aus und muss in der Bilanz des Käufers als Vermögenswert gebucht werden. IFRS verlangt, mindestens jährlich einen Impairment-Test durchzuführen. Darin wird die Werthaltigkeit des Goodwills überprüft. Sinken die Geschäftsaussichten, muss abgeschrieben werden.

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