Boeing-Manager Shanahan
Wenig Zeit für Träume bei Boeing

Pat Shanahan leitet Boeings Vorzeigeprojekt - den Bau des „Dreamliners“ - und hat damit den schwierigsten Job in seinem Unternehmen. Der ehrgeizige Manager muss das "Flugzeug der Zukunft" nach einer Reihe von Pannen so schnell wie möglich in die Luft bekommen. An seinem Erfolg hängt die Zukunft des US-Flugzeugbauers.

ATLANTA. Manchmal gönnt er sich bei all dem Ärger ein bisschen Spaß. Aber erst nach Mitternacht, wenn die Arbeiter die große Flugzeugwerft in Everett nördlich von Seattle verlassen haben. Dann setzt er sich mit dem Chefpiloten in den Simulator und stellt sich vor, dass das Flugzeug endlich, endlich fliegen würde.

Pat Shanahan hat keinen leichten Job in diesen Tagen. Er ist beim amerikanischen Flugzeugbauer Boeing verantwortlich für das 787 „Dreamliner“-Programm. Das Luft-Traumschiff existierte allein auf dem Papier, als Ingenieure und Luftfahrtmanager es schon vor Jahren als das Weltflugzeug der Zukunft priesen – hergestellt aus leichtem Verbundmaterial wie Kohlefaser, Titan und Aluminium, kerosinsparend und in einer globalen Zulieferkette gefertigt. Doch die reale Geschichte des Dreamliners ist eine Geschichte von technischen und logistischen Pleiten und Pannen. Fünfmal wurde der Erstflug bereits verschoben. Zwei Jahre liegt Boeing bei der Auslieferung im Rückstand, mehrere Airlines stornierten ihre Bestellungen. Nach der letzten, überraschenden Verschiebung des Erstflugs Ende Juni wegen einer instabilen Stelle am Rumpf brach die Boeing-Aktie um fünf Prozent ein. Für den Flugzeugbauer steht viel auf dem Spiel: Heute legt Boeing Zahlen für das zweite Quartal vor.

Das „Wall Street Journal“ schrieb, die ständigen Rückschläge schadeten „der Glaubwürdigkeit des Konzerns und der künftigen Profitabilität des Jets“. Die „New York Times“ unkte gar, der größte Flugzeugbauer der Welt könne am Dreamliner-Projekt zugrunde gehen. Von dem 787-Programm – und damit von seinem Chef Pat Shanahan – hängt also das Wohl und Wehe von Boeing ab.

Doch Shanahan, 47, ein schlacksiger Mann, kühl, blass, mit sandblondem Haar und blauen Augen, ist keiner, den eine derartige Verantwortung nervös macht, im Gegenteil. „Ich bin ein Adrenalin-Junkie“, sagte er kürzlich. „Der Druck spornt mich an.“ Das Dreamliner-Projekt ist für ihn mittlerweile zur ganz persönlichen Herausforderung geworden.

In einer Telefonkonferenz mit Analysten suchte Shanahan Ende Juni die Dramatik der Lage abzuwiegeln: Der jüngste Fehler sei erkannt, derartige Nachbesserungen seien nichts Ungewöhnliches, man arbeite an einer Lösung, wenn nötig Tag und Nacht.

Als Troubleshooter hatte Boeing Patrick Shanahan bereits im Oktober 2007 nach Everett geholt, als sich ab-zeichnete, dass das Dreamliner-Programm in Rückstand geraten und der ehrgeizige Zeitplan kollabieren würde. Shanahan arbeitete zu der Zeit in der Rüstungssparte von Boeing, war Vizepräsident des Raketenabwehrprogramms mit Sitz in Washington, D.C. Davor leitete er das Militärhubschrauber-Programm, überwachte die Produktionen des Armee-Helikopters Chinook, des Kampfhubschraubers Apache und des V-22 Osprey, der wie ein Hubschrauber abhebt und landet und wie ein Propellerflugzeug fliegt. Zuvor war er in der zivilen Luftfahrtsparte verantwortlich für die Entwicklung des Großraumjets 777 sowie für die Weiterentwicklung der 767- und 757-Programme, hat also reichlich Erfahrung im Umgang mit komplexen Produktions- und Zulieferketten.

Shanahan sei „der richtige Mann für die 787“, sagte Heidi Wood, Luftfahrtanalystin beim Investmenthaus Morgan Stanley anlässlich von Shanahans Wechsel zum Chef des Dreamliner-Teams. Sie hält weiterhin an ihrer Meinung fest. „Es geht jetzt um die Umsetzung des Programms gegen alle Widrigkeiten.“ Und da brauche Boeing eben einen Manager mit starken Nerven, einen, der Erfahrung mit dem sprichwörtlichen Teufel im Detail habe.

Seite 1:

Wenig Zeit für Träume bei Boeing

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%