Boston Consulting Group
Der Manager-Dirigent

Raphael von Hoensbroech war ein hochbegabter Musiker und Dirigent. Eines Tages krempelte er sein Leben radikal um und stieg vor gut zwei Jahren bei der Boston Consulting Group als Berater ein. Den Bruch hat er harmonisch bewältigt - doch ganz ohne Musik geht es nicht.

HB. Es war ein Leben für die Musik: Raphael von Hoensbroech war gerade einmal drei Jahre alt, als er lernte, Geige zu spielen. Mit sieben war er erster Preisträger im Wettbewerb "Jugend musiziert". Gut 20 Jahre später war er auf dem besten Weg, ein erfolgreicher Jungdirigent zu werden. Der Musikwissenschaftler hatte Studium, Promotion und Meisterkurse erfolgreich abgeschlossen und dirigierte ein aufstrebendes Jugendorchester in München. Das hätte so weitergehen können, bestimmt hätte von Hoensbroech irgendwann einmal ein großes Sinfonieorchester übernommen. Doch eines Tages kam der Bruch. Bei der Arbeit mit dem Jugendorchester hakte es gewaltig, es gab Streit. Und von Hoensbroech kam ins Grübeln.

Wenige Wochen später, von Hoensbroech besuchte gerade als Gast die Salzburger Festspiele, da kam ihm die Idee, etwas grundlegend anderes zu probieren. Sollte er vielleicht ins Musikmanagement wechseln? Oder etwa Unternehmensberater werden? Wieder zu Hause in der Nähe von Köln bewarb er sich nicht etwa bei einer kleineren Beratungsfirma, sondern gleich bei einer der größten, der Boston Consulting Group. Bei einem international operierenden Unternehmen, dessen 3 300 Mitarbeiter im Jahr 2006 stolze 1,8 Milliarden Euro Umsatz erwirtschafteten (in Deutschland zirka 677 Mitarbeiter bei einem Umsatz von 305 Millionen Euro). Frechheit siegt, von Hoensbroech wurde nicht etwa in Bausch und Bogen abgelehnt, sondern tatsächlich zu einem Gespräch eingeladen. Und wurde prompt als Berater eingestellt.

Die Beraterbranche brummt, meldet rasant steigende Umsätze. Im Jahr 2006 haben die Beratungsunternehmen das beste Ergebnis der vergangenen zehn Jahre erzielt. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater stieg der Umsatz um 11,4 Prozent auf 14,7 Milliarden Euro. Auch in diesem Jahr soll das Wachstum weitergehen, der Umsatz um rund elf Prozent steigen. Solche massiven Zuwächse kann die Branche aber nur erreichen, wenn sie genügend neue und qualifizierte Mitarbeiter findet. Deshalb stellt die Branche seit etwa zwei Jahren wieder verstärkt Consultants ein. Derzeit kommen aber nicht nur die besten Hochschulabgänger aus dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, sondern auch Quereinsteiger aus anderen Fächern zum Zuge. Und die müssen auch nicht unbedingt besonders jung sein, die Kandidaten dürfen durchaus auch über 30 Jahre alt sein und ihre Lebens- und Berufserfahrung einbringen. Das war nicht ein Umdenkungsprozess bei den Beratern, sondern die geänderte Nachfrage der Kunden. Denn sie legen neuerdings wieder Wert auf Berater mit Erfahrungshorizont, mit denen sie sozusagen auf Augenhöhe verhandeln können. Ein Ingenieur mit kaufmännischer Zusatzausbildung und Berufserfahrung hat also gute Chancen, bei einer der großen Unternehmensberatungen anzuheuern, aber ein dirigierender Musikwissenschaftler und studierter Philosoph? Unter Umständen sogar so ein Exot, wie das Beispiel von Hoensbroechs zeigt.

Im lichtdurchfluteten Büro der Boston Consulting Group im 27. Stock des Media-Tower genannten Büroturms im Kölner Media-Park erzählt von Hoensbroech nachdenklich, aber ganz offen, wie es damals zu dem Wendepunkt in seinem Leben gekommen ist. Wie er sich als junger Musikwissenschaftler nach dem Besuch einiger Meisterkurse gesagt hatte: "Jetzt bin ich bereit für ein Sinfonieorchester." Und eigentlich schon fast bereit war zu sagen: "Jetzt werde ich Dirigent."

Und doch kam es zum Bruch. Eines Tages arbeitete von Hoensbroech mit dem Münchener Jugendorchester. Der Dirigent hatte gemeinsam mit den Musikern schon drei Konzertprogramme erarbeitet und eine Konzertreise absolviert. An dem Tag stand mal wieder schwere Streicherliteratur auf dem Programm, denn das Orchester war hochmotiviert und ehrgeizig. Obwohl das Stück volle Konzentration erforderte, war er nicht ganz bei der Sache und unterbrach die Probe. Er dachte an seine Frau und seine kleinen Kinder, und dass er wieder einmal keine Zeit für sie hatte. Für den Musiker ein nahezu unerträglicher Zustand: "Ich möchte mir immer Zeit für meine Familie nehmen. Familie ist für mich das Wichtigste", sagt von Hoensbroech heute wie damals. Das sah das ambitionierte Orchester naturgemäß anders. Deshalb knallte es an dem Tag heftig. Die Orchestermitglieder begehrten mächtig auf. Und warfen ihrem Dirigenten vor, nicht bei der Sache zu sein. Wenn der Dirigent ausfällt, wem soll das Orchester dann folgen, nach wessen Interpretation soll die Musik einstudiert werden? "Wenn man in der Probe abbricht, muss man sofort etwas Sinnvolles sagen, und das muss dann sitzen. Eine nachträgliche Korrektur kann man sich nur selten erlauben, sonst wird man schnell nicht mehr akzeptiert", sagt der Gescholtene selbst. Von Hoensbroech war offenbar an eine seiner Grenzen gestoßen. Diese einschneidende Erfahrung brachte von Hoensbroech dazu, sein Leben zu ändern und sich zumindest beruflich von der Musik abzuwenden. Was aber stattdessen tun? Verlangt nicht nahezu jeder kreative Beruf an Selbstaufgabe grenzende Hingabe weit über das übliche Maß beruflichen Engagements hinaus?

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