BP-Chef Lord Browne
Überschattetes Lebenswerk eines Sonnenkönigs

BP-Chef Lord Browne steht trotz großer Verdienste vor einem Scherbenhaufen – und wird zum Gespött der Ölbranche. Dabei stolperte er nicht über Katastrohen im Unternehmen, sondern über eine Falschaussage vor Gericht.

DÜSSELDORF. Kein anderer Manager hat die Industrie in den vergangenen zwölf Jahren so geprägt wie John Browne. Kein anderer sprach so früh von der Verantwortung der großen Ölkonzerne für die Umwelt wie der 59-jährige . Doch jetzt muss der Mann, den die Königin von England 1998 zum Ritter schlug, zugeben, dass er vor Gericht gelogen hat.

Die Umstände von Brownes sofortigem Rücktritt haben absurde Züge. Hinterbliebende in Texas machen die BP-Führung für den Verlust von 15 Menschenleben bei einer Explosion auf einer schlampig geführten Raffinerie verantwortlich; Umweltschützer in Alaska werfen dem Konzern vor, durch mangelnden Rostschutz den Austritt von mehr als 800 000 Litern Öl provoziert zu haben. Doch Browne stolpert nicht über Todesopfer oder Umweltschäden, sondern über eine Affäre mit einem 32 Jahre jüngeren Mann.

Wie sich Lord Browne und Jeff Chevalier (27) trafen, ist unklar. Bei einer Gerichtsverhandlung gab Browne an, er sei dem 27-jährigen Kanadier zufällig beim Sport im Park begegnet. Inzwischen sagte der BP-Chef aber, dies sei gelogen. Die britische Boulevardzeitung „Mail on Sunday“ verweist auf eine Internetseite des Begleit-Service Suited-and-Booted, auf der mehr als 100 homosexuelle Models aufgeführt sind, unter anderem auch Chevalier.

Nach einer vierjährigen Affäre, die 2006 endete, versuchte Chevallier, Details über sein Verhältnis zu Browne an die englische Presse zu verkaufen. Unter anderem soll Browne Computer und Personal von BP für eine Firma von Chevalier verwandt haben. Angeblich sollten Führungskräfte von BP in dieser Firma als Direktoren eingesetzt werden.

Browne bestreitet diese Vorwürfe und versuchte, ihre Veröffentlichung zu verhindern. Vor Gericht gab er an, Chevalier sei ein Lügner und abhängig von Alkohol und anderen Drogen. Nach Angaben der „Mail on Sunday“ wertete ein Richter dies als Schmierenkampagne von Browne, um die Glaubwürdigkeit von Chevalier vorab zu zerstören. Der Richter behalte sich weitere Schritte gegen Browne wegen Falschaussage und Missachtung des Gerichts vor.

Der Sumpf, in dem Browne nun umherirrt, steht im krassen Gegensatz zum Ruf als Sonnenkönig, den er sich in den vergangenen 41 Jahren erarbeitet hat. Browne begann seine BP-Karriere schon 1966 als Student und hat den Konzern seitdem nie verlassen. Auf verschiedenen Stationen bewies er wieder und wieder sein Geschick darin, den Umsatz zu steigern und die Kosten zu senken.

Als Vorstandsvorsitzender ging Browne ab 1995 neue Wege. Als der BP-Chef im Mai 1997 an der Stanford-Universität eine Rede hielt, in der er die Klimaerwärmung als Realität bezeichnete, erschreckte er seine Vorstandskollegen in der Industrie und machte Umweltschützer misstrauisch. Inzwischen hat BP das Image des „grünsten“ aller Ölkonzerne.

Noch wichtiger für das Unternehmen aber war ein anderer Durchbruch von Browne. 1998 und 1999 baute er BP mit dem Kauf von Amoco und Arco in nur zehn Monaten zu einem so genannten Super Major aus – einem globalen Giganten. BP war nun groß genug, um wirklich alle lokalen Krisen – Kriege, politische Umstürze, Naturkatastrophen – durch Operationen anderswo auf dem Erdball auszugleichen. Brownes Expansionszug im Wert von mehr als 80 Mrd. Dollar bewog Exxon zur Übernahme von Mobil. Dass Browne die Konsolidierung der Industrie bei einem Ölpreis von zehn Dollar (heute: 65) eingeleitet hat, gilt als genial und bedeutete gerade für die Aktionäre von BP einen Geldsegen.

Kritiker aber halten Browne vor, dass in dem rasanten Wachstum der 90er Jahre schon die Saat für die heutigen Probleme lag. Die Milliardenübernahmen gingen einher mit massiven Sparprogrammen, bei denen Browne Tausende von Mitarbeitern entließ. Gerade bei der Todesraffinerie von Texas führte laut Untersuchungsberichten eine Kostensenkung von 25 Prozent zu massiven Sicherheitsmängeln, die die BP-Spitze ignorierte. Mitarbeiter gaben an, sie gingen mit Todesängsten zur Arbeit, ein BP-Manager sagte nach dem Unglück, die Raffinerie wurde praktisch mit Heftpflastern zusammengehalten. BP musste 1,6 Mrd. Dollar für Schadenersatz und Schmerzensgeld zurückstellen, weitere Milliarden fließen in überfällige Sicherheitsausgaben in allen US-Raffinerien. Bei der Profitabilität ist BP deshalb hinter seine Rivalen zurückgefallen.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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