Brasilien
Aus der Tiefe des Raums

Der Selfmade-Milliardär Eike Batista greift nach dem brasilianischen Bergbaukonzern Vale, dem zweitgrößten Konzern in der Branche mit einem Börsengewicht von 120 Milliarden Dollar. Die Chancen stehen nicht schlecht: Sein Kontrahent, Vale-Chef Roger Agnelli, verliert an Rückhalt.
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SÃO PAULO. Natürlich erwähnt keiner den anderen mit einer Silbe. Auch dass es sich um ein Duell handelt, würden beide weit von sich weisen. Doch genau das ist es. Es geht darum, wer in Brasiliens Bergbausektor künftig das Sagen haben wird. Dabei steht mehr auf dem Spiel, als Klassenbester im größten südamerikanischen Land zu sein. Brasilien ist einer der größten Erz- und Rohstofflieferanten weltweit. Wer dort Herrscher über Minen und Erze ist, hat gute Chancen, es auch weltweit zu sein. Also wird derzeit in den Hinterzimmern der Bergbaufirmen in Rio, der Banken in São Paulo und der Politik in Brasília getrickst und finassiert. Ob es einen Gewinner geben wird, ist noch höchst unklar.

Sicher ist nur: Den Fehdehandschuh hat vor drei Wochen Eike Batista geworfen. Der 51-Jährige möchte mit seiner EBX-Holding beim brasilianischen Erzriesen Vale einsteigen, dem nach Rio Tinto zweitgrößten Bergbaukonzern der Welt, mit einem Börsengewicht von rund 120 Mrd. Dollar. Das ist ein bisschen so - andere Branchen, aber ähnliche Dimensionen -, als wollte Aldi beim US-Konzern Wal-Mart die Kontrolle übernehmen. Größenwahnsinnig, könnte man denken. Doch bei Batista sind die Kritiker vorsichtig geworden mit solchen Adjektiven. Der Selfmade-Unternehmer hat in weniger als drei Jahrzehnten ein Vermögen von geschätzten 18 Mrd. Dollar angehäuft. Vor allem mit gewagten Transaktionen in den Sektoren Bergbau, Öl und Gas wurde Batista zum reichsten Brasilianer.

Beim nur zwei Jahre jüngeren Roger Agnelli dürften die Alarmglocken geschrillt haben: Der CEO von Vale, der den privatisierten Bergbaukonzern seit 2001 auf sein Kerngeschäft getrimmt und zum weltweiten Bergbauriesen aufgebaut hat, weiß genau, wie schnell in dieser Branche ein David einen Goliath übernehmen kann - wenn das Timing stimmt. 2007 übernahm er für 18 Mrd. Dollar den kanadischen Nickelproduzenten Inco, obwohl Vale damals knapp zehn Mrd. Umsatz im Jahr erzielte. Doch die Nickelpreise stiegen rasant an, zwei Jahre später war Inco nicht nur geschluckt, sondern auch abbezahlt.

Zudem weiß Agnelli, dass Batista auf die gleichen Strategien setzt wie er, um ein Unternehmen voranzubringen: Beide nutzen aggressiv die Finanzmärkte als Beschleuniger, um Kapital für die Expansion zu bekommen. Beide entscheiden blitzschnell, wenn sie ein Geschäft wittern - können aber auch monatelang warten, bis die Verhandlungspartner auf den geforderten Preis einlenken. Beide sind harte Verhandlungspartner mit Pokergesichtern, die jedoch durchaus brasilianisch charmant sein können.

Nicht nur in Geschäftsdingen ähneln sie sich - auch privat gibt es Parallelen: Beide wohnen im noblen Süden Rio de Janeiros. Beide fahren Rennboote als Hobby. Selbst von der Statur sind sie ähnlich sportlich: Batista ist ein bisschen drahtiger und mit Jeans, Turnschuhen und Sakko meist leger gekleidet. Agnelli sieht man seine Herkunft als Investmentbanker dagegen immer noch an: Nie geht er ohne Schlips und dunklen Anzug in die Öffentlichkeit. Auch ist er weitaus diskreter als Batista: Der umgibt sich gerne mit schönen Frauen und lässt sich schon mal von Hochglanzmagazinen im Wohnzimmer fotografieren. Agnelli dagegen hält sein Privatleben völlig aus der Öffentlichkeit fern.

Das Überraschende an dem Zweikampf ist jedoch, wie sich die Positionen der beiden Alphatiere in den letzten Wochen geändert haben. Vor kurzem noch galt Batista unter Investoren, in der Bergbaubranche und in der Regierung als Zocker. Sein Ruf als Playboy und mehrere gescheiterte Investitionsprojekte ließen ihn zudem als wenig seriös erscheinen. Agnelli dagegen galt als der brillante, aber verantwortungsvolle Banker, der mit 38 Jahren bei der stockkonservativen Banco Bradesco in São Paulo jüngster Direktor in deren Geschichte wurde. Und von dort an die Spitze der Vale geschickt wurde, nachdem die Bank beim Bergbaukonzern eingestiegen war und nach jemandem suchte, der dort aufräumen sollte. Agnelli steuerte den Konzern souverän durch die Klippen der Privatisierung und fand die Nähe zu Präsident Luiz Inácio Lula da Silva.

Doch dann kam die Wirtschaftskrise, und Lula ärgerte sich, als Agnelli Investitionen stoppte und Mitarbeiter entließ. "Ein Unternehmen wie Vale darf nicht nur an sich denken", schimpfte Lula. "Das Interesse des Landes muss an erster Stelle stehen." Eine Kritik, die Agnellis Position gefährlich wackeln ließ: Denn der Staat hat das Vetorecht bei Vale und die staatlichen Pensionsfonds das Sagen.

Batistas Pläne dagegen sind genau nach dem Geschmack von Lula, dessen erklärtes Ziel es ist, Brasiliens Konzerne auf Weltmarktniveau zu trimmen: Batista will seine Öl- und Bergbaufirmen, seine Häfen und Kraftwerke mit denen der Vale kombinieren, um den größten integrierten Energie- und Rohstoffkonzern der Welt zu schaffen. Zu Freunden sagt er: "Ich kann Vales Wert in fünf Jahren verdoppeln." Sein Vorteil: Er kennt Vale wie seine Westentasche. Sein Vater und wichtigster Berater Eliezer Batista hat den Vale-Vorgänger CVRD noch als Staatskonzern über 40 Jahre geführt.

Präsident Lula soll Aufsteiger Batista nun grünes Licht für Verhandlungen über einen Einstieg bei Vale gegeben haben. Für Agnelli war das wie eine Abmahnung. Dennoch ist völlig offen, ob Batista der Einstieg in den Konzern auch gelingen wird.

Um seine Zukunft braucht sich Agnelli jedenfalls nicht zu sorgen: Im Großraumbüro der Banco Bradesco, in dem die zwei Dutzend Direktoren des Vorstands täglich Seite an Seite arbeiten, wird der Schreibtisch von Agnelli seit acht Jahren frei gehalten.

Eike Batista

1957 Er wird am 3. November in Zentralbrasilien geboren.

1969 geht er nach Deutschland, der Heimat seiner Mutter. Er studiert Ingenieurwissenschaften. Anfang der 80er kauft er in Brasilien Goldminen, die er später mit hohem Gewinn wieder abstößt.

2002 Batista gründet die Holding EBX und investiert in Erzminen. Die Gewinne investiert er in Öllizenzen und Kraftwerke. 2008 wird sein Vermögen auf 18 Mrd. Dollar geschätzt.

2008 Mit dem Ölkonzern OGX gelingt ihm mit vier Mrd. Dollar der größte Börsengang Brasiliens.

Roger Agnelli

1959 Er wird in São Paulo als Sohn einer italienischen Immigrantenfamilie geboren.

1981 Eintritt in die Banco Bradesco, parallel Studium der Volkswirtschaft.

2001 wird er CEO des Minenkonzerns Companhia Vale do Rio Doce (ab 2007

2008 Er bietet 90 Mrd. Dollar für den Schweizer Rohstoffkonzern Xstrata, doch der Deal scheitert.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

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