Brasilien
Petrobas-Chef Gabrielli: Der Diener der Nation

Der Aufstieg von Petrobras zu einem der dynamischsten Ölkonzerne weltweit in zehn Jahren ist eine der spektakulären Erfolgsgeschichten der brasilianischen Wirtschaft. Das Unternehmen ist auf dem besten Weg, einer der wichtigsten Energiekonzerne der Welt zu werden, auf Augenhöhe mit "Big Oil". Wie Konzernboss José Sergio Gabrielli Petrobas zum Vorbild in der Branche machte.

RIO DE JANEIRO. Irgendetwas stimmt nicht. Der große, kräftige Mann geht mit langen Schritten ans Mikrofon. Er trägt einen weißen Bart, sein Schopf ist dunkel und dicht, weit jünger als seine 60 Jahre wirkt er - eine imposante Erscheinung. Doch dann beginnt er zu sprechen: Aus dem wuchtigen Körper quetscht sich eine hohe, ja krächzende Stimme. Die Aura der Macht, welche die meisten brasilianischen Männer seines Kalibers umgibt, sie ist wie weggeblasen.

Der Mann heißt José Sergio Gabrielli. Er ist Chef von Petrobras, dem mächtigsten Konzern Lateinamerikas mit einem Jahresumsatz von 112 Milliarden Dollar. Gabrielli ist bei seinen öffentlichen Auftritten das personifizierte Understatement. Oft kann er sich nicht entscheiden, ob er für Gewerkschafter eine Brandrede halten oder die Bilanzposten seines Konzerns herunterbeten soll. Doch was Gabrielli sagt, ist ohnehin zweitrangig. Worauf es ankommt, das ist die Symbolik seiner Auftritte, die abends landesweit in den Nachrichten zu sehen sind.

Wie eine umständliche Zeremonie läuft das ab: so wie hier in Candéias, einer Stadt im Nordosten des Landes, wo vor 70 Jahren das erste brasilianische Öl entdeckt wurde. Gabrielli weiht dort eine Raffinerie ein. Einzeln, mit Namen und Funktion ruft ein Sprecher die Vertreter sozialer Gruppen auf die Bühne. Für die sind Plastikstühle mit Namenstafeln reserviert - alles Funktionäre verschiedener sozialer Gruppen: Landlosenbewegung, Frauengruppen, Nachbarschaftsvereinigungen, Genossenschaften und anderer Selbsthilfe- und Solidaritätsbewegungen. Dann sind die Provinzpolitiker, vom Dorfpräfekten bis zum Gouverneur, an der Reihe. Senatoren, Abgeordnete, Minister folgen, die ersten Petrobras-Direktoren. Bis schließlich Gabrielli eine Fünf-Minuten-Rede runterspult.

Petrobas ist Brasilien

Das Aufgebot überrascht. Kein Konzern Brasiliens würde bei einer öffentlichen Feier freiwillig einen Vertreter der Landlosenbewegung "Movimento Sem Terra" einladen. Die Landreformer predigen die Abschaffung des Kapitalismus. Ihre Führer sprechen Spanisch mit kubanischem Akzent. Doch hier sitzt deren Vertreter mit seiner roten Baseball-Mütze mit dem MST-Emblem friedlich als Ehrengast auf der Bühne und hört zu, was der Petrobras-Präsident zu sagen hat.

Die Botschaft ist klar: Wir, Petrobras, sind kein abgehobener Ölkonzern, der nur seine Profite im Auge hat. Wir kümmern uns um Brasilien. Wir, Petrobras, sind Brasilien.

Bei diesen öffentlichen Anlässen stellt der Konzern seinen Erfolg unter den Scheffel: Gabrielli sagt nicht, dass der Aufstieg von Petrobras zu einem der dynamischsten Ölkonzerne weltweit in zehn Jahren eine der spektakulären Erfolgsgeschichten der brasilianischen Wirtschaft ist. Dass Petrobras dabei ist, einer der wichtigsten Energiekonzerne der Welt zu werden, auf Augenhöhe mit "Big Oil" - also den etablierten privaten Ölgesellschaften Exxon, Shell & Co. Ein Konzern, der im Golf von Mexiko, vor den Küsten Angolas und Nigerias sowie in Iran nach Öl und Gas sucht. Der Raffinerien baut in den USA, Japan und Venezuela. Der seine eigene Spitzentechnologie für die Offshore-Förderung entwickelte und auch Ethanol und Biodiesel anbietet. Ein Ölmulti, der seine Reserven schneller steigert als die etablierten Konzerne.

Seite 1:

Petrobas-Chef Gabrielli: Der Diener der Nation

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%