Bronfman jr. will Vivendi-Sparte
Eine Frage der Ehre

Wer kennt schon Junior Miles oder Sam Roman? Zwei Pseudonyme für einen jungen Mann, der sich vor vielen Jahren als Songwriter versuchte. Immerhin durfte er seinerzeit für Celine Dion „To Love You More“ und für Dionne Warwick „Whisper in the Dark“ schreiben.

HB OTTAWA. Mit „Flüstern im Dunkeln“ kommt der Mann, der mit bürgerlichem Namen Edgar Miles Bronfman jr. heißt, aber momentan nur bedingt weiter. Der Milliardär aus der kanadischen Unternehmerdynastie will die US-Unterhaltungssparte des französischen Medienkonzerns Vivendi Universal kaufen. Anfangs wurden seine Pläne belächelt. Neben Schwergewichten wie Jeffrey Immelts General Electric sah der schlanke Bronfman mit dem lässigen Dreitagebart wie ein sicherer Verlierer aus. Aber am Dienstagabend schaffte er es, neben dem US-TV-Sender NBC von General Electric in die letzte Bieterrunde bei Vivendi zu kommen.

Der 48-Jährige hat seine ganze Kraft aufgeboten und ein vielschichtiges Konsortium zusammengetrommelt, um das Geld aufzutreiben: acht Milliarden Dollar in bar für Vivendi Universal Entertainment (VUE). Außerdem will er 2,5 Milliarden Dollar Schulden übernehmen, das Unternehmen mit der New Yorker Kabelgruppe Cablevision verheiraten und Vivendi eine Minderheitsbeteiligung einräumen.

Für Edgar Bronfman geht es um viel: um das Erbe und die Ehre der ruhmreichen kanadischen Industriellen-Dynastie. Erst vor drei Jahren hatte er Universal an den damaligen Vivendi-Chef Jean-Marie Messier verkauft. Ein schlechtes Geschäft. Die Vivendi-Aktie ging auf Talfahrt, und die Familie Bronfman, die mit einem Anteil von 7,5 Prozent zum größten Vivendi-Aktionär aufstieg, verlor rund 3,5 Milliarden Dollar, wie das US-Magazin „Fortune“ ausrechnete.

„Posterboy für fragwürdiges Management“

Bronfman, so urteilte eine kanadische Zeitung jetzt harsch, sei wegen unglücklicher Entscheidungen der „Posterboy für fragwürdiges Management“. Klar ist: Unter dem Sprössling der russisch-jüdischen Familie ging der Spirituosenkonzern Seagram verloren, den sein Großvater und Vater zu einem Weltkonzern aufgebaut hatten.

Edgar Miles Bronfman jr. wurde als zweites von fünf Kindern von Edgar sr. und dessen Frau Ann geboren. Er besuchte eine Highschool, galt als kluger Schüler. Aber Lernen langweilte ihn. Schon als Zehnjähriger habe er gewusst, „dass ich niemals auf ein College gehen werde“, gestand er einem US-Magazin.

Er wollte seinen eigenen Weg gehen. Das Film- und Showbusiness reizte ihn. Als sein Vater kurzfristig in das Hollywood-Unternehmen Metro-Goldwyn-Mayer investierte, war dies für den Junior Anlass, sein Glück in dieser Branche zu suchen. Als 17-Jähriger produzierte er „The Blockhouse“, einen Film mit Peter Sellers in der Hauptrolle, der bei Kritikern und an den Kinokassen durchfiel. Auch „The Border“ mit Jack Nicholson blieb der Erfolg versagt.

Sein Streben nach Unabhängigkeit gefiel seinem Vater weniger. Er holte ihn 1982 in das Familienunternehmen zurück. Der Sohn, der nicht poltert, sondern eher leise auftritt, stimmte zu. Er konnte die Entscheidung, wie er der Los Angeles Times verriet, in dem Bewusstsein treffen, „dass ich mich dem Unternehmen anschließe, weil ich es will“.

Vom Assistenten des Präsidenten stieg er schließlich 1994 zum Konzernchef auf. Erfolgreich konzentrierte er das Geschäft auf Marken in der oberen Preisskala wie den Whiskey Chevas Regal.

Argwöhnische Blicke

Die konservative Geschäftswelt Nordamerikas blickte argwöhnisch auf den jungen Bronfman, der mit seinem Werdegang nicht recht in ihr Bild passte. Man machte sich lustig über das „Leichtgewicht“, der einen Hang zu Glamour habe. Der Mann, der als humorvoll beschrieben wird und dem böse Zungen das Image eines Playboys anhängen wollten.

Zwar war Edgar sr. dagegen, dass sein Sohn die afro-amerikanische Schauspielerin Sherry Brewer heiratete. Aber er verteidigte ihn. „Was veranlasst sie zu glauben, ich würde auf einen Playboy setzen, der das Unternehmen führen soll, nachdem ich mein ganzes Leben verbracht habe, es aufzubauen?“

Bestätigt fühlten sich Kritiker, als sich Bronfman der Medien- und Unterhaltungsindustrie zuwandte: Erst stieg er 1993 bei Time Warner ein. Dann folgte 1995 der große Coup: Er kaufte die Mehrheit des Hollywood-Unternehmens MCA, das er in Universal Studios umbenannte. Dass er zur Finanzierung dieses Deals die lukrative Beteiligung am Chemieunternehmen DuPont veräußerte, soll in der Familie mit Unmut aufgenommen worden sein. Andere, wie der US-Schauspielstar und Produzent Michael Douglas, bescheinigten ihm dagegen, er habe eine gute Gelegenheit wahrgenommen, um in der Branche Fuß zu fassen.

Ja, und dann aß er an einem Oktobermorgen des Jahres 1999 Croissants mit dem damaligen Vivendi-Chef Jean-Marie Messier. Die Begegnung läutete das Ende des kanadischen Familienunternehmens ein: Die beiden waren sich später einig, dass Seagram allein nie groß genug sein werde, um auf einer Stufe mit den Großen im internationalen Unterhaltungsgeschäft zu stehen. So stimmte er dem Übernahmeangebot durch Vivendi zu.

Jetzt will Edgar Miles Bronfman jr. als Kopf einer bunten Investorengruppe die Universal Studios wieder zurückkaufen. Der Seagram-Erbe, der seit 1993 mit einer aus dem Ölgeschäft stammenden Venezolanerin verheiratet ist und mit ihr vier Kinder hat, will wieder unter eigenem Namen in der Medienwelt auftreten. „Er möchte wieder Edgar Bronfman sein“, sagt ein Insider.

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