Bruce Wasserstein
Söldner des großen Geldes

Abgetragene Anzüge, massige Gestalt mit plumper Nase und seit Jahrzehnten der gleiche Seitenscheitel, der allerdings bedingt durch Haarausfall immer weiter nach hinten rutscht: Nein, Bruce Wasserstein macht äußerlich nicht viel her.

HB NEW YORK. „Er wirkt auf den ersten Blick wie ein kleiner Bürokrat“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin, „viele unterschätzen ihn – und das ist gefährlich.“ Wasserstein zählt seit mehr als 20 Jahren zur Top-Elite der Investmentbanker. Der Spezialist für Fusionen und Übernahmen (Mergers &Acquisitions, M&A) hat viele Milliardengeschäfte eingefädelt – nicht zuletzt für sich selbst.

Derzeit arbeitet der 56-jährige Wasserstein am Börsengang der franko-angelsächsischen Investmentbank Lazard Frères, die er seit Anfang 2002 leitet. Es ist womöglich sein letzter großer Deal. Denn der Strippenzieher, der sehr selten Interviews gibt, droht sich im komplizierten Netz des traditionsreichen Hauses, dessen Büros in Paris, New York und London intern um Einfluss ringen, zu verheddern. Hunderte Lazard-Partner müssen zustimmen, bevor eine der letzten großen Investmentbanken in Privathand an die Börse darf.

Wasserstein braucht als Verbündeten Lazards Chairman Michel David-Weill, der ihn angeheuert hat. Doch der 71-jährige Urenkel eines Cousins der Lazard-Brüder will seine Macht nur für einen hohen Preis abgeben. Der feine Pariser Aristokrat, dessen Namen kaum ein Amerikaner korrekt über die Lippen bringt, ist schon äußerlich das Gegenteil vom bulligen Macher Wasserstein, dessen Spitzname in der Branche „Bid’em up“-Bruce (Treib sie höher, Bruce!) ist. Der frühere Lazard-Partner William Cohan sagt es so: „Die beiden spielen eine Art dreidimensionales Schach mit hohem Einsatz.“

Für seinen nächsten Zug könnte sich David-Weill auch von Leonhard Fischer, dem einstigen Investmentbanking-Chef der Dresdner Bank, Tipps holen. Es war „Lennie“, der die New Yorker Investmentboutique Wasserstein, Perella & Co. im Jahr 2000 für sagenhafte 1,37 Mrd. Dollar kaufte. Doch statt für Fischer ein deutsches M&A-Powerhaus zu schmieden, kassierte Wasserstein damals seinen privaten Profit von 600 Millionen Dollar und machte sich aus dem Staub.

Bei der Dresdner-Investmentsparte Kleinwort Wasserstein hinterließ „Bid’em up“-Bruce nur seinen Namen und viel verbrannte Erde. „Hier arbeitet fast kein Ex-Wasserstein-Mitarbeiter mehr. Die sind wie Söldner ihrem Chef gefolgt“, heißt es bei Dresdner Kleinwort Wasserstein in New York. Eine Weile nach der Übernahme der Dresdner Bank durch den Versicherer Allianz verabschiedete sich daher auch Lennie Fischer. Er leitet heute die Versicherungssparte der Schweizer Großbank Credit Suisse.

Ausgerechnet Credit Suisse. Deren heutige Investment-Banking-Tochter, Credit Suisse First Boston, engagierte Wasserstein 1977 mit nur 29 Jahren als Jungbanker. Der Harvard-Absolvent reüssierte dort gemeinsam mit seinem Chef Joe Perella und zählte bald zu den Superstars der Fusions-Manie der 80er-Jahre. Loyalität kannte der Strippenzieher schon damals nicht: 1988 machte er sich mit Wasserstein, Perella & Co. selbstständig.

Das Buch „Barbaren vor den To-ren“ über die erbitterte Schlacht um den Konsumgüterriesen RJR Nabisco berichtet über ein Treffen Wassersteins mit anderen First-Boston-Bankern, die gegen ihren Arbeitgeber konspirierten. Wassersteins Freund und Kollege Tom Maher wandte sich dagegen. „Gut, dann bist du draußen“, sagte Wasserstein, ließ Maher stehen und beendete eine elfjährige Freundschaft.

Wassersteins größte Gabe ist das perfekte Timing. Die historische Übernahme von RJR durch die Beteiligungsfirma Kohlberg, Kravis, Roberts zählte zu Wassersteins und Perellas ersten Milliarden-Deals. Der wohl größte Coup der New Yorker Boutique war die 182 Milliarden Dollar schwere Fusion der Medienriesen AOL und Time Warner. Dass das Geschäft für Time-Warner-Aktionäre in Scherben endete, belastete die M&A-Banker nicht. Dazwischen fand Wasserstein noch genügend Zeit, um ein kleines privates Mediengeschäft aufzubauen. So besitzt er das „New York Magazine“ und mehrere juristische Fachtitel, darunter den „American Lawyer“.

Bei Lazard trat Wasserstein Anfang 2002 ein schwieriges Erbe an. Denn das Haus hatte eine Reihe namhafter, teurer Banker verloren. Um die Lücke zu stopfen, bediente sich Wasserstein am Markt. Das war zwar teuer, dafür brachte es Lazard aber zurück auf die Ranglisten der größten M&A-Berater. So half Lazard zum Beispiel bei der Übernahme der Chicagoer Bank One durch JP Morgan Chase.

Doch in den vergangenen Monaten flaute das M&A-Geschäft ab. Damit trübte sich auch die Aussicht für einen Börsengang Lazards ein, und der latente Konflikt zwischen Wasserstein und David-Weill brach offen aus. Es heißt, David-Weill verlange, dass Wasserstein ihm zuerst seine Lazard-Anteile abkauft, bevor er die Bank an die Börse bringt. Der Franzose bewertet Lazard angeblich mit rund vier Milliarden Dollar – ein Drittel mehr als Analysten.

Wasserstein treibt den Börsengang trotzdem voran: Er hat die Investmentbank Goldman Sachs als Berater engagiert und lässt derzeit „verschiedene strategische Optionen“ prüfen. Er hat Grund zur Eile: Sein Vertrag läuft nur bis Ende 2006. Dass der Freund abgetragener Anzüge die elegante Investmentbank danach noch weiter führt, ist unwahrscheinlich.

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