Bruch im Führungsstil erwartet
„Wiederholungen sind langweilig“

Nach außen hin ist alles friedlich – ein sanfter Übergang. Im April 2005 übernimmt der gebürtige Brasilianer Carlos Ghosn die Geschäfte bei Renault von Louis Schweitzer, dem bisherigen Chef des französischen Autoherstellers. Ghosn führt mit Nissan bereits den Allianzpartner der Franzosen und wird künftig beide Positionen auf sich vereinigen.

Dennoch: In Paris will keine reine Freude aufkommen. Niemand zweifelt dort daran, dass es mit dem neuen Chef zu einem Bruch im Führungsstil kommen dürfte. Zu unterschiedlich sind die beiden Charaktere: Der eine, Schweitzer, ein bekennender Sozialist, aus bester französischer Familie. Sein Vater war Generaldirektor des Weltwährungsfonds, sein Großonkel Urwaldarzt Albert Schweitzer, sein Cousin der bekannte Philosoph Jean-Paul Sartre. Der andere, Ghosn, ein kompromissloser Kostenkiller.

Für Louis Schweitzer ist das allerdings kein Problem: „Wiederholungen sind langweilig“ ist sein knapper Kommentar. Auch Ghosn sieht den Wechsel – wie fast alles – unter pragmatischen Gesichtspunkten: „Verschiedene Meinungen gibt es bei allem, Probleme sind dazu da, schnell gelöst zu werden“, sagt er nüchtern, wie aus einem Managementlehrbuch zitiert. Schweitzer setzt sogar noch einen oben drauf. Während er selbst ganz mit Renault beschäftigt war, traut er seinem Nachfolger ohne Zweifel zu, die Doppelaufgabe zu erfüllen: „Das geht, wenn man den richtigen Mann hat.“ Und er lässt keinen Zweifel daran, wen er damit meint.

Obwohl der Renault-Chef seinen Nachfolger in den höchsten Tönen lobt, ist der Zuspruch in der Belegschaft für Ghosn, bekannt als Mann der klaren Ziele und schnellen Taten, begrenzt. Viele haben nicht vergessen, wie er 1997 kaltblütig gegen den Widerstand der Gewerkschaften und der Öffentlichkeit die Schließung des belgischen Werks Vilvoorde durchgezogen hat.

Was die Renault-Mitarbeiter außerdem nicht gerade beruhigt: Aus Japan haben sie gehört, wie Ghosn in den vergangenen vier Jahren ohne Rücksicht auf japanische Tabus die Renault-Beteiligung Nissan saniert hat. Fünf Fabriken wurden geschlossen, mehr als 20 000 Arbeitsplätze fielen der harten Hand von Ghosn zum Opfer. Allein mit der offiziellen Bezeichnung des Umstrukturierungsprogramms als „Nissan Revival Plan“ stieß Ghosn den Japanern vor den Kopf, indem er das Unternehmen quasi als tot brandmarkte. Die Geschwindigkeit, die er vorgibt, bekommen bereits die europäischen Landesgesellschaften zu spüren, die harte Verkaufsvorgaben zu erfüllen haben: „Wir beneiden die Leute von Renault nicht. Nissan hat die tiefen Einschnitte schon hinter sich“, heißt es dort.

Ganz anders sieht die Einschätzung der Börsianer aus: „Wenn ein Politiker wie Schweitzer durch einen knallharten Manager ersetzt wird, wird das der Aktie kaum schaden“, sagt ein Aktienanalyst. Schließlich hat Ghosn es geschafft, aus einem hoch verschuldeten, defizitären Automobilhersteller innerhalb von vier Jahren eines der profitabelsten Unternehmen der Branche zu machen. Mit einer operativen Marge von zuletzt mehr als zehn Prozent wird Nissan nur noch von Porsche geschlagen. „Doch die bauen ein paar Tausend Autos, wir bauen im Jahr drei Millionen“, gibt Ghosn zu bedenken – und macht damit seine eigene Leistung deutlich. Früher als geplant konnte der Nissan-Spitzenmann 2002 den Revival-Plan durch sein nächstes ehrgeiziges Ziel ersetzen: Nissan 180. 1 steht für einen um eine Million höheren Fahrzeugabsatz, 8 für 8 Prozent Rendite und 0 für die komplette Entschuldung. Seine Ziele bezüglich Rendite und Schulden hat er bereits erreicht. „Wir sind nicht nur zurück im globalen Rennen, wir sind unter den Tempomachern“, verkündete Ghosn.

Wenn „Mister Seven-Eleven“, wie er in Tokio in Anlehnung an die US- Lebensmittelkette auf Grund seiner langen Arbeitszeiten von morgens sieben bis in die Nacht genannt wird, nach Paris wechselt, wird er sein Tempo wohl kaum drosseln. Fragen nach seinen Plänen für Renault will er noch nicht beantworten: „Ich bin verantwortlich für Nissan und verbringe meine Zeit nicht damit, Firmen zu vergleichen“, lautet seine Antwort.

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