Brüderlich vereint
Aldi-Story Teil II: Ein geteiltes Imperium

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Obwohl Karl (Aldi Süd) und Theo (Aldi Nord) Albrecht ihr Unternehmen schon Anfang der Sechzigerjahre teilten und seitdem getrennte Wege gehen, werden die Unterschiede kaum wahrgenommen. Beide Discountketten firmieren unter demselben Namen, verfolgen ähnliche Konzepte, und die geografische Teilung führte dazu, dass jeder Kunde in seiner Stadt immer nur einen Aldi hat, eben Nord oder Süd - wenn er nicht gerade unmittelbar an der Demarkationslinie wohnt, die sich von der holländischen Grenze quer durch Nordrhein-Westfalen und Hessen zieht.

Erst seit der Süden, der sein Filialreich von Mülheim an der Ruhr aus regiert, nicht länger mit den Kollegen aus Essen in einen Topf geworfen werden wollte, grenzt er sich seit Anfang 2000 plakativ mit dem Zusatz "Süd" auf Plastiktüten, Firmenlogos, Handzetteln, Stellenanzeigen und Lkws ab.

Ein Blick in die Bilanzen zeigt die unterschiedliche Leistungskraft der beiden Billigketten. Im Jahr 2001 erlöste Aldi insgesamt gut 20 Milliarden Euro hier zu Lande, das sind 11 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Zehn Milliarden davon landeten in den Kassen des Nordens, etwas mehr als zehn Milliarden in denen des Südens. Auf den ersten Blick eine Pattsituation, beim näheren Hinsehen jedoch eine Machtdemonstration der Südschiene: Aldi Süd erzielt seinen Umsatz mit fast 1000 Läden weniger als der Bruder aus dem Norden und erwirtschaftet eine Vorsteuerrendite von mehr als sechs Prozent (Aldi Nord: 4,3 Prozent).

Damit hier kein falsches Bild entsteht: Selbst einem Aldi Nord kann die gesamte Handelsprominenz - mit kaum mehr als einem Prozent Rendite - bei weitem nicht das Wasser reichen. Dieter Brandes, ehemaliger hochrangiger Aldi-Manager und Buchautor ("Konsequent einfach - die Aldi-Erfolgsstory"), schätzt den Unternehmenswert von Aldi auf rund 40 Milliarden Euro. Das ist etwa der Börsenwert von Siemens und mehr als fünfmal so viel wie der Wert der Düsseldorfer Metro.

Aber wie konnte der ehemals kleine den scheinbar übermächtigen großen Bruder überflügeln? "Hat er nicht", bricht Hartmuth Wiesemann, Mitglied des Verwaltungsrats, dem obersten Entscheidungsgremium bei Aldi Nord, das jahrelange Schweigen und offenbart der Wirtschaftswoche: "Wir sind sehr bescheiden, wenn wir sagen, der Süden ist bestenfalls gleichauf." Man dürfe nicht nur das zur Bewertung heranziehen, was in den Pfichtveröffentlichungen publiziert werde. Diverse andere im Familienbesitz befindliche Unternehmen, wie eine Kaffeerösterei, verschiedene Immobiliengesellschaften oder Hühnerfarmen, trügen zu einer dem Süden vergleichbaren Gewinnsituation bei.

Zwar verfüge der Süden über die größeren durchschnittlichen Umsätze je Filiale, doch Aldi Nord fahre mit den kleineren Läden a bei einer größeren Anzahl ebenfalls gute Resultate ein. Wiesemann: "Es gibt keine Filiale, die nicht sehr rentabel arbeitet."

Doch die Unterschiede bleiben. Der Süden ist viel früher aus den Städten und Wohnorten auf die grüne Wiese gegangen. Dort konnten größere und modernere Läden mit vielen Parkplätzen eröffnet werden. War es früher Theo aus dem Norden, der als experimentierfreudig galt, so ist es heute Karl, der beispielsweise vor drei Jahren alle Filialen mit Scannerkassen ausrüstete.

Auch das Betriebsklima gilt im Südreich als konfliktfreier. "Das liegt wohl an der besseren Bezahlung", glaubt Dieter Höller, Nord-Betriebsrat in Radevormwald. Berüchtigt sind im Norden die so genannten Kassenlistenübersichten. Zu wenig Umsatz, zu viele Tippfehler - schon hagelt es Vermerke und Abmahnungen für die Kassiererinnen.

Im Norden halten der "Olle", wie Theo von den Geschäftsführern genannt wird, und seine Söhne Berthold und Theo jr. die Zügel fest in der Hand. Die Söhne gelten als unnahbar. "Wenn es beim weihnachtlichen Gänseessen der Geschäftsführer in die Villa Hügel ging, dann saßen die meistens alleine", berichtet ein ehemaliger Geschäftsführer.

Ganz anders im Süden. Dort hat Karl schon frühzeitig den Vorsitz im Verwaltungsrat für den familienfremden Manager Ulrich Wolters geräumt, der seinerseits Ende 2001 den Platz für das Duo Jürgen Kroll und Norbert Podschlapp freimachte. Auch Karls Sohn Karl jr., Jurist, schied aus gesundheitlichen Gründen schon vor zehn Jahren aus dem Unternehmen aus. Und doch läuft im Süden alles wie geschmiert.

Im Norden dagegen nickt der 81-jährige Patriarch noch heute alle wichtigen Entscheidungen ab oder gibt den Kurs gleich selbst vor. Er verpasst selten eine der alle sechs Wochen stattfindenden Geschäftsleitersitzungen im großen Besprechungssaal der Essener Konzernzentrale in der Eckenbergstraße 16, einem schmucklosen Waschbetonbau - ohne Firmenlogo, Fahnen oder opulenten Springbrunnen. Dort dürfen die Regionalfürsten dann brav per Handzeichen über neue Produkte abstimmen. Strategische Entscheidungen werden zwar zur Diskussion gestellt, sind aber im Familienkreis längst besiegelt. Und ins so genannte Eichenzimmer, den kleinen Besprechungsraum, lässt Theo vor den eichefurnierten Wandschränken und unter seinem eigenen Porträt in Öl, Manager antreten, mit deren Ergebnissen er nicht zufrieden ist.

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