Buch „Stunde der Heuchler“
Die große Abrechnung des Edzard Reuter

Es ist eine Generalabrechnung, bei der praktische keine Institution verschont wird: Edzard Reuter hat ein bitterböses Buch geschrieben, in dem er die Verfehlungen der Wirtschaft aufarbeitet. Aus Sicht des ehemaligen Daimler-Benz-Chefs ist praktisches alles "Heuchlerei". Das Streben nach Gier und Macht ist das wesentliche Moment, alle Bekundungen nur ablenkende Worte.
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DÜSSELDORF. Die Finanz- und Wirtschaftkrise ist in vielen Büchern aufgearbeitet worden. Und natürlich sparte kaum ein Autor mit Kritik an den Verantwortlichen. Da wollte sich auch Edzard Reuter nicht lumpen lassen. "Dieser Text ist eine Polemik. Er überspitzt." Das schreibt Reuter am Ende seines Buches "Stunde der Heuchler", als ob es der Leser nicht schon 200 Seiten vorher gemerkt hätte. Das Buch ist voller Abrechnungen und Anschuldigungen.

Neu ist das Wenigste daran, aber dennoch ist Reuters Werk wohl eines der streitbarsten Bücher rund um die Krise. Vielleicht wirkt es anders als andere Krisenpamphlete, weil es von einem altgedienten Top-Unternehmer geschrieben wurde, von dem man in den Medien sonst nicht viel hört. Darin liegt ein gewisser Reiz. Zudem hat er mit "Heuchlerei" einen Begriff gefunden, der nicht abgenutzt ist durch jahrelange Benutzung. In dieser Hinsicht hat Reuter eine kleine "Marktlücke" gefunden, die man für ein Buch braucht.

Natürlich war früher vieles besser, aber das ist eben schon sehr lange her. Heuchlerei habe es "auch bei den Buddenbrocks schon gegeben", aber inzwischen sei diese Unart völlig ausgeartet und zum "Gebot der Stunde" geworden. Sie ist der Schutzschild der Habgier, die tatsächlich das Handeln bestimme. Gier und Heuchlerei gehen Hand in Hand. Die Zahl der Ratgeber sei zu hoch, die Gier als "eine ganz normale Eigenschaft" einbläuen, die zum "allgemeinen Fortschritt beitrage".

Die Finanzkrise war nur die logische Folge der Entwicklung, den Shareholder Value zum wichtigsten Ziel zu erheben. Dem Dogma würden längst auch die deutschen Hochschulen huldigen. Der Neo-Liberalismus bekommt alles andere als gute Noten. Banken, Ratingagenturen, Unternehmensmanager aber auch Politiker seien der Gier verfallen, sei es nach Geld oder Macht. Die Missstände, die zur Finanzkrise führten, seziert Reuter glücklicherweise recht kurz, weil man sie allzu gut kennt. Nicht zuletzt die Heuchlerei führe nun dazu, dass in den vergangenen Jahren "nichts geschehen" sei, um die Lage nachhaltig zu verbessern.

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Kommentare zu " Buch „Stunde der Heuchler“: Die große Abrechnung des Edzard Reuter"

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  • http://de.wikipedia.org/wiki/Heuchelei

    Heuchlerei gibt es nicht, sondern ist ein Neologismus des Deutschen nicht mächtiger Redaktionsschranzen.

    So eine "Marktlücke" zu erzeugen ist keine Kunst.

    im übrigen gehe ich davon aus, das der Silberlöffelbubi in seinem Leben nie gearbeitet hat.
    Wo soll der richtig Fluchen gelernt haben? ist Holtzbrink am Verlag des buches des Herrn Reuter beteiligt?

    Achso…

    Much ado about nothing meinte William S.

  • [5] Ulmer

    nur mal ganz kurz: Dass Daimler fast vor die wand krachte, war nicht Reuters Verschulden, sodnern das von Schremp.
    Mit seienr Chrysler-Soierei setzte Schremp 50Mrd. in den Sand. Ausbaden durften das dann die deutschen Arbeitnehmer bei Mercedes.
    Schremp brachte auch die Unsitte er amerikan. überzogenen Managergehalter und boni mit. Seitdem nämlich stopfen sich die Manager b ei uns die Taschen so voll

  • Nur wer dazugehört oder dazugehörte, hat die intimen Kenntnisse um authentisch darüber berichten zu können. Nur Alkoholiker oder trockengestellte Alkoholiker schreiben am besten über Alkoholismus. insofern ist gegen Herrn Reuter und sein buch überhaupt nichts einzuwenden.Mir sind ehrlich gewordener "Verlierer" lieber als "Gewinner" die heuchlerische und beschönigende Memoiren schreiben. Am verdächtigsten sind allerdings Hypermoralisten, die es immer schon besser gewußt haben.

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