Bundesverband Deutscher Unternehmensberater sieht darin mindestens eine Ordnungswidrigkeit
Verband: Prämien für Anwerbung neuer Kollegen ein Rechtsbruch

Werben Mitarbeiter für Prämien neue Kollegen ein, sind sie schnell gewerbliche Arbeitsvermittler.

HB DÜSSELDORF. Mitarbeiter sind für Thomas Schulte-Huermann erklärtermaßen ein „kostbares Gut“. Das sind keine leeren Worte: Der Chef des Kölner Internet-Kaufhauses Primus-Online belohnt jeden seiner Angestellten, der einen neuen Kollegen anwirbt, mit einer Prämie in Höhe von 5 000 DM. „Das Modell funktioniert sehr gut“, sagt Schulte-Huermann. Schon 37 Mal habe er die Prämie gezahlt. Einer seiner Mitarbeiter habe sogar schon sechsmal die fünf Scheine kassiert.

Für seine Initiative erntet Schulte-Huermann keineswegs nur Beifall. Der Bonner Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) jedenfalls sieht in der Prämienpraxis laut einer aktuellen Pressemitteilung „einen eklatanten Rechtsbruch“. Die Attacke aus Bonn kommt nicht ganz unerwartet: Schulte-Huermann hatte unlängst jene Unternehmensberater aufs Korn genommen, die gemeinhin als Headhunter bezeichnet werden. Sie würden sich nicht ans Gesetz halten und ungeniert seine Mitarbeiter am Arbeitsplatz anrufen, obwohl dies verboten sei, kritisierte der Manager. Die Abwerbeversuche verleiteten das Personal zu „illoyalem Verhalten“, störten seine erfolgreiche Arbeit und verschlechterten das Arbeitsklima. Deswegen zahle er jedem seiner Angestellten, der einen illegal arbeitenden Headhunter denunziere, „25 000 Mark Kopfgeld“, so Schulte- Huermann. Jetzt also kontern die Consultants: Bei der Anwerbung von Personal betrieben die Mitarbeiter von Primus Online eine erlaubnispflichtige Arbeitsvermittlung im Sinne des Paragrafen 291 drittes Sozialgesetzbuch, so der Vorwurf des Beraterverbandes. Offensichtlich verfüge keiner der Mitarbeiter über eine solche Erlaubnis. Deswegen verstießen sie gegen das Gesetz, was „mindestens als Ordnungswidrigkeit“ zu verfolgen sei.

Die Rechtsauffassung des Verbands sei zutreffend, bestätigt der Düsseldorfer Rechtsanwalt Michael Terwiesche, ein Experte für Fragen des Verwaltungsrechts. „Nur die gelegentliche und unentgeltliche Empfehlung von Mitarbeitern durch Mitarbeiter ist nicht erlaubnispflichtig“, präzisiert der Rechtsanwalt. Ein Mitarbeiter aber, der bereits – wie bei Primus Online – sechsmal als Vermittler tätig geworden sei, handele jedoch nicht mehr nur gelegentlich. Und wenn er für seine Empfehlungen insgesamt 30 000 Mark kassiert habe, könne man auch beim besten Willen nicht mehr von einer unentgeltlichen Tätigkeit sprechen.

Auch bei der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg verfolgt man das Prämien-Phänomen mit wachem Interesse. Es handele sich zweifelsohne um eine Ordnungswidrigkeit, sagt Behördensprecher Roland Schütz. Die Beamten sehen sich aber nicht gezwungen, die illegale Praxis zu unterbinden: Im Ordnungswidrigkeitenrecht gelte das Opportunitätsprinzip, und die Behörde halte es zur Zeit nicht für opportun, einzuschreiten. Anders würde dies nur, falls diese Praxis überhand nehme, etwa bei massiven Abwerbeaktionen.

Eine solche Haltung erscheint dem BDU jedoch zu lax. Das zuständige Landesarbeitsamt müsse im Fall Primus Online „aktiv werden“, fordert der Verband. Ob die Bonner jedoch gut beraten sind, so laut nach Sanktionen zu rufen, darf bezweifelt werden. Denn Primus Online ist bei weitem kein Einzelfall. Nicht nur in Kreisen der New Economy, auch in anderen Branchen, in denen qualifizierte Mitarbeiter Mangelware sind, gehen immer mehr Arbeitgeber dazu über, Recruiting-Prämien auszuloben. „Wir haben eine entsprechende Regelung seit Beginn dieses Jahres in Kraft gesetzt“, sagt beispielsweise Ernst Raufeisen, Leiter Personalwesen beim Wirtschaftsprüfungskonzern Deloitte & Touche in Düsseldorf.

Raufeisen ist allerdings weniger großzügig als Schulte-Huermann. „Wir zahlen lediglich 3 000 Mark, und das auch nur für das Anwerben eines Unternehmensberaters oder Wirtschaftsprüfers“, so der Personalchef. Dennoch scheint die Prämie attraktiv genug zu sein. Immerhin rund 20 Mitarbeiter hätten bereits neue Kollegen angeworben und die Auszahlung des Geldes beantragt, sagt Raufeisen.

Bei der Unternehmensberatung KPMG erhalten Berater derzeit 5 000 Mark brutto, wenn sie einen Bekannten überzeugen, nach der Uni zu KPMG zu kommen. Für die Vermittlung eines Beraters mit Berufserfahrung zahlt die Firma sogar 8 000 Mark. „Bei 828 Mitarbeiter-Anträgen im vergangenen Jahr ist es in insgesamt 222 Fällen tatsächlich zur Einstellung gekommen“, sagt Nicole Hartel von der KPMG-Personalabteilung in Berlin.

Selbst Firmen wie Roland Berger Strategy Consultants, die Mitglied im BDU sind, bekennen sich offen zu dieser Praxis: „Wir haben seit etwa sechs Jahren eine entsprechende Prämienregelung“, sagt Nikolaus Held, Associate Partner bei dem Münchener Beratungshaus. Im März vergangenen Jahres habe man die Prämien noch einmal aufgestockt. Jetzt erhalte jeder Berger-Mitarbeiter, der einen Projektmanager vermittle, 20 000 Mark als Belohnung. Für die Anwerbung eines Senior Consultants zahlt man bei Berger 15 000 Mark, für einen Consultant immerhin noch 10 000 Mark. Rund 15 neue Mitarbeiter habe man im vergangenen Jahr auf diese Weise rekrutiert, so Held.

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