Bush trifft die Entscheidung
Nachfolge-Kandidaten laufen sich warm

Als Alan Greenspan 1987 das Amt des US-Notenbankchefs vom legendären Inflationsbekämpfer Paul Volcker übernahm, herrschte an den Finanzmärkten große Skepsis. "Niemand kann Volcker ersetzen", hieß es damals an der Wall Street.

NEW YORK. 18 Jahre später gibt sich die Finanzgemeinde ähnlich melancholisch - nur, dass die Wehmut diesmal Greenspan gilt. "Solche Ängste gab es bei fast jedem Wechsel an der Fed-Spitze", sagt Benjamin Friedman, Wirtschaftsprofessor an der Harvard University, "auch diesmal werden wir es überleben."

Die Entscheidung über den Greenspan-Nachfolger liegt bei US-Präsident George W. Bush. Bei der Auswahl werden deshalb neben der fachlichen Qualifikation auch politische Kriterien eine erhebliche Rolle spielen. Erst einmal ernannt, ist der Fed-Chef politisch unabhängig. Bush wird also kaum einen ausgewiesenen Kritiker seiner Wirtschaftspolitik zum mächtigsten Ökonomen des Landes machen.

Als Favoriten für die Greenspan-Nachfolge haben sich deshalb drei Kandidaten herauskristallisiert, die dem Präsidenten mehr oder minder nahe stehen. Der Harvard-Professor Martin Feldstein war Wirtschaftsberater von Ronald Reagan und hat auch Bush bei der von ihm geplanten Reform der staatlichen Rentenversicherung (Social Security) zur Seite gestanden. Columbia-Professor Glenn Hubbard war bereits Bush-Berater und gilt als Kopf der massiven Steuersenkungen in der ersten Amtszeit des Präsidenten.

Aus dem Rahmen fällt nur Ben Bernanke. Er hat sich als exzellenter Geldpolitiker und Querdenker zuerst an der Universität Princeton und dann unter Greenspan bei der Fed einen Namen gemacht. Seit kurzem ist Bernanke Wirtschaftsberater im Weißen Haus - viele sagen, um seine Chancen im Rennen zu verbessern. Alle drei Kandidaten haben allerdings den Nachteil, dass sie als Akademiker kaum über praktische Erfahrungen und Kontakte an der Wall Street verfügen. Ein Manko, so dass Bush nach weiteren Kandidaten Ausschau halten lässt.

So unklar wie die Personalfrage ist auch die künftige Richtung, in die der nächste Fed-Chef die Geldpolitik in den USA steuern wird. "Sicher ist nur, dass er die Debatte über ein Inflationsziel wesentlich bestimmen wird", sagt der ehemalige Notenbanker Laurence Meyer voraus. Die Diskussion darüber, ob sich die Fed wie zum Beispiel die Bank of England ein explizites Inflationsziel setzen soll, ist durch den bevorstehenden Wechsel an der Fed-Spitze neu belebt worden. Greenspan war immer gegen eine solche Regelbindung, fürchtet er doch, seine Flexibilität zu verlieren. Bernanke dagegen ist ein Anhänger dieses Gedankens. Ein Inflationsziel würde die Fed-Politik nicht nur transparenter und kalkulierbarer machen. Viele Ökonomen hoffen zudem, dass eine Zielvorgabe für die Notenbank den rätselhaften inneren Kompass Greenspans ersetzen könnte.

"Die Schwierigkeit besteht darin, dass ein Inflationsziel den beiden Aufgaben der amerikanischen Notenbank - Preisstabilität und Vollbeschäftigung - Rechnung tragen muss", sagt Ex-Notenbanker Meyer. Harvard-Professor Friedman warnt deshalb davor, den Wachwechsel mit der geldpolitischen Grundsatzfrage zu verquicken. "Wir haben diese Debatte nur, weil die Finanzmärkte über die Greenspan-Nachfolge verunsichert sind", sagt er. Spötter meinen deshalb, Bush solle einfach auf die Berufung eines Nachfolgers verzichten und Greenspan zum ewigen Fed-Chef erklären.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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