Cambridge-Professorin
„Das Gesicht der Globalisierungsgegner“

Noreena Hertz ist das, was man eine Grenzgängerin nennt. Sie hätte das öffentliche Gesicht der Globalisierungsgegner werden können. Heute kämpft sie als Cambridge-Professorin für eine bessere Welt. Und trifft Starinvestor George Soros und den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton.

HB. Das nennt man wohl frühreif. Als Noreena Hertz mit drei Jahren nicht wie andere Kinder im Sand spielen will, gehen die besorgten Eltern mit ihr zum Psychologen. Dessen Analyse ist einfach: Das Kind ist unterfordert und langweilt sich. Auch die Therapie ist einfach: Mit drei Jahren wird das Mädchen mit den blonden Locken eingeschult.

Fortan ist Noreena Hertz nun immer irgendwie „klein und süß“ und die Jüngste: Mit 16 macht sie Abitur, geht danach direkt an die Uni, um Wirtschaft zu studieren, mit 19 hat sie ihr Examen in der Tasche, mit 21 nimmt sie die US-Topschule Wharton, wo sie ihren MBA macht. „Ich war wohl die jüngste MBA-Studentin, die jemals an Wharton zugelassen wurde“, erzählt Hertz ohne einen Hauch von Aufregung in der Stimme.

Noreena Hertz ist eine Durchstarterin, aber keine gradlinige. Mit 41 Jahren kennt sie viele Seiten und füllt viele Rollen. Sie ist Bestseller-Autorin und „Ikone der Globalisierungsgegner“, die mit dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton und dem Starinvestor George Soros diskutiert; sie ist ein akademischer Jungstar der Universität Cambridge und der Rotterdam School of Management, und eine politische Aktivistin, die Großbritanniens hoch bezahlte Fußballprofis dazu bringt, für die unterbezahlten Krankenschwestern Millionen zu spenden. „Ich habe mein Leben nicht geplant, nichts war beabsichtigt“, erzählt sie, und weiter: „Eigentlich wollte ich nach Hollywood.“ Und zwar nicht, um vor der Kamera zu stehen, sondern dahinter. „Ich wollte Filmproduzentin werden. Ich wollte Filme machen wie „Einer flog über das Kuckucksnest“ – Filme, die Menschen zum Nachdenken bringen.“

In der Traumfabrik kommt sie jedoch nie wirklich an. Sie macht zwar bereits vor ihrem MBA in London einschlägige Praktika in der Filmbranche, und an der Wharton School belegt sie entsprechende Kurse. Der Abschluss einer der besten Business Schools der USA öffnet ihr auch die Türen in Hollywood. Sie kriegt einen Job bei der William Morris Agency, der wohl weltweit wichtigsten Künstleragentur überhaupt. „Mir war klar, dass die Agenten eine Schlüsselstellung im Hollywood-System haben“, sagt Hertz. „Wenn ich ins Filmgeschäft wollte, war das der Weg. Ich hätte auch in der Poststelle angefangen. Mit dem Wharton-MBA war es eine Etage höher als Assistentin eines Agenten.“

Doch dann kam der Anruf, der ihr Leben verändern sollte. „Einer meiner Wharton-Professoren sollte nach Russland, um am Aufbau der Börse mitzuwirken. Er bat mich, Teil seines Teams zu werden.“ Hertz bittet ihren zukünftigen Hollywood-Arbeitgeber um ein paar Monate Aufschub und der akzeptiert. Statt in Beverly Hills schwitzt sie nun im Sommer 1991 in Leningrad über den Aufbau einer russischen Börse. „Es war mehr so eine Art umgebauter Schulsporthalle“, berichtet sie aus Russlands turbulenter Umbruchphase. Es folgt ein Angebot der Weltbank-Tochter IFC. Mission: Privatisierung des riesigen ehemals sowjetischen Staatssektors. Die 23-Jährige ist ganz nah dran an den Leuten, die das zukünftige Schicksal Russlands bestimmen sollten. „Ich erinnere mich, wie wir eine Woche mit Boris Jelzin, den damals noch niemand kannte, auf der Wolga gefahren sind.“

Nach einigen Monaten hat sich die Frage Hollywood von selbst erledigt: „Warum sollte ich in Hollywood sitzen und für irgendeinen Agenten Kaffee kochen und das Telefon beantworten, wenn ich in Russland dabei sein konnte, wie Geschichte geschrieben wird?“ Diese Entscheidung war in mehr als einer Weise schicksalhaft: „Zu diesem Zeitpunkt meines Lebens hörte ich auf, Pläne für die Zukunft zu machen.“

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