Cangorino-Chef Willy Steffen Iser
Der Schuh-Macher

Natürlich trifft ein Berater keine rein emotionale Entscheidung, natürlich hat Iser kalkuliert, in den Märkten recherchiert und einen Businessplan entwickelt. "Ich habe einen Markt gewittert, und das war Feuer genug, um die Rakete zu starten." Dann der Trip nach Casablanca zu einer Lohnfertigung für Nobel-Hausschuhe eines Bekannten. Alles sah "erschreckend einfach" aus, erinnert sich Iser. Und hatte diesen Zauber. "Ich habe mich in das Produkt verliebt und bin von da an schon ein bisschen in die Selbstständigkeit hereingeschlittert. Die Bremsen der Vernunft haben versagt", gibt Iser zu.

Seine Frau, eine Marketingführungskraft in der Kosmetikbranche, ahnte längst, was passieren würde. Sie trug es mit Fassung. Isers Bank nicht. Die ersten 100 000 Euro kamen noch aus eigener Tasche, für die nächsten sollte die Hausbank sorgen - doch die winkte worthülsenreich ab. Letztlich half eine Bürgengemeinschaft. Zu dem ersten im März 2004 eröffneten Geschäft in Hamburg-Eimsbüttel kamen Läden in Köln, Frankfurt und Schlüchtern. Dieses Jahr wird München folgen.

Iser spricht davon, wie "wir" expandieren, "wir" neue Kollektionen auflegen und "wir" in Casablanca produzieren. Doch das "wir" ist Iser selbst und kein anderer. Vom Materialeinkauf über die Produktionsorganisation und -überwachung, Logistik bis hin zum Marketing - der Chef macht alles selbst und leistet sich nur sieben Verkäuferinnen, meist Mütter, auf 400-Euro-Basis. Selbst Werbeplakate und -karten sind selbst fotografiert und per Grafikprogramm umgesetzt: Als Testimonials dienen Tochter Violetta und Kinder befreundeter Paare. "Es ist extrem viel Arbeit", betont Iser. "Extrem" oder wahlweise "extremst" zählt zu seinen Lieblingswörtern. "Das Unternehmen läuft bisher wie ein Planspiel, das extrem gut funktioniert. Jetzt muss es mit Kapital beatmet werden, um es auf die große Schiene zu setzen", sagt Iser ganz im Berater-Jargon.

Bei einem Umsatz von 370 000 Euro und 10 000 verkauften Paar Schuhen im vergangenen Jahr dämmert ihm, dass er langsam extrem gut aufpassen muss, dass die Sache, seine One-Man-Show, nicht kippt. Den florierenden Online-Shop musste er schon abklemmen, weil Mitarbeiter fehlten, die Bestellungen zu bearbeiten. Er will und muss weiterwachsen, doch allein wird er das kaum schaffen können. Er merkt, dass er alle Aufgaben allenfalls mit halber Kraft erledigen kann, um das Pensum zu schaffen. Doch voller Schub müsste sein.

Was fehlt, sind Unternehmertypen, die ticken wie er und mit anpacken. "Immer mal wieder klopfen Finanzinvestoren an, doch das bringt mir nichts, ich brauche Macher", sagt Iser. Die Zeit der kleinen Schritte ist vorbei. "Kleckern bringt nichts, es muss einen großen Knall geben." Will heißen: Die Cangorino-Filialen sollen ihre Fußabdrücke gleichzeitig in mehreren deutschen Städten hinterlassen. Noch fünf Jahre, und Deutschland hat eine erste Kinderschuhkette. Zehn Jahre, und Cangorino ist europaweit ein Begriff. Das ist sein Ziel. Eine Rolle rückwärts ins Beratergeschäft ist noch nicht einmal als Notaus angedacht. Iser will es schaffen, er wird es schaffen - davon ist er überzeugt.

Manchmal schlaflose Nächte? "Naaa!" entfährt es ihm breit, seine unterfränkischen Wurzeln nicht verleugnend. "Ich glaube an das Produkt und das Konzept und bin sowieso ein guter Schläfer." Obgleich seine Nacht jeden Tag um Punkt 5.50 Uhr endet. Das muss so sein, denn Iser genießt die Zeit bis neun Uhr, wenn die Stadt noch nicht aufgedreht hat, zum Nachdenken. Etwa darüber, wie geltende Spielregeln außer Kraft gesetzt werden können.

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