Carla Kriwet Die Karriere des Jahres

Carla Kriwet liebt den Wettbewerb und geht eigene Wege. Mit ihrem unkonventionellen Führungsstil schaffte sie bei der Boston Consulting Group den Durchbruch und leitet heute beim Dax–Konzern Linde einen Zukunftsbereich. Das Handelsblatt ehrt sie mit dem Preis „Karriere des Jahres“.
  • Astrid Oldekop
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Carla Kriwet von Linde machte die "Karriere des Jahres"

Carla Kriwet von Linde machte die "Karriere des Jahres"

MÜNCHEN. Carla Kriwet hat in ihrem Leben schon früh Ausrufezeichen gesetzt. Als Schülerin hat sie geholfen, das Leid von Aids-Patienten in Burundi zu lindern, als Studentin sagt sie indischen Lokomotiv-Ingenieuren, wo es langgeht, und als 32-Jährige ist sie Stabsleiterin von Linde-Vorstandschef Wolfgang Reitzle. Heute, mit 38 Jahren ist sie Chefin von 1 650 Mitarbeitern und Mutter von drei Kindern. Die Düsseldorferin hat damit in ihrem Leben bereits viele Decken durchbrochen und ist noch lange nicht oben angekommen. Die 38-Jährige ist dabei bodenständig und bescheiden geblieben.

Für ihren herausragenden Werdegang hat das Handelsblatt Carla Kriwet jetzt mit der „Karriere des Jahres 2009“ ausgezeichnet. „Ihre positive Lebenseinstellung, eine gute Mischung aus analytischem Denken und sich Verlassen auf ihre Intuition, hat Sie zu einer verantwortungsvollen Führungspersönlichkeit werden lassen“, sagt Jurorin Doris Brenner von der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung. „Carla Kriwet hat trotz der steilen beruflichen Entwicklung nie die Balance verloren.“

Kriwets geräumiges Büro in München wirkt so leer, als arbeite hier niemand: Ein blanker Schreibtisch, ein Kinderfoto, ein Flugzeugmodell, ein Werbeplakat an der Wand. So aufgeräumt Kriwets Arbeitsplatz ist, so vollgestopft ist ihr Leben: Seit März ist sie Chefin der Region Zentral- und Nordeuropa im Gesamtbereich Healthcare, verantwortlich für eine halbe Milliarde Euro Umsatz und damit wichtigste Frau im Dax-30-Konzern Linde. Und in ihrer Freizeit engagiert sie sich bei einer Freiwilligenagentur, die mit dem Slogan „Zeit statt Geld“ wirbt. Wer so viele Baustellen hat wie Carla Kriwet, hat für Schnickschnack keinen Platz. „Sie wird es ganz an die Spitze eines börsennotierten Unternehmens schaffen,“ prophezeit ihr ehemaliger Chef Lars Källsäter. „Aber nicht in der engstirnigen Art wie Männer das tun.“ Der frühere Chef von Linde Healthcare Global schränkt ein: „Falls sie das überhaupt möchte.“

Ihr Lebenslauf ist nicht gradlinig. Carla Kriwet wächst in Wittlaer bei Düsseldorf mit vier Geschwistern auf. Sie besucht ein katholisches Mädchengymnasium, verbringt die Freizeit im Stall mit eigenem Pony, beweist kaufmännisches Talent auf Flohmärkten und macht ein Schuljahr in den USA. So eine unbeschwerte Kindheit, abgeschirmt von Druck und Wettbewerb, möchte sie auch ihren drei Kindern bieten. „Ich will sie möglichst vor dem Performance- und Leistungsdenken beschützen“, hofft die Frau, die selbst Spaß hat am Up-or-out-Prinzip der Berater. „Wie man sich selbst drannimmt“, sagt sie, „ist eine freie Entscheidung, das kann kein Standard für andere sein.“

Nach ihrem mündlichen Abitur ist sie aus dieser heilen Welt ausgebrochen. Kriwet stellt ihre Eltern vor vollendete Tatsachen: Zur Abiturfeier bräuchten sie gar nicht erst zu kommen, sie selbst nähme ohnehin nicht teil, da sei sie bereits in Burundi. Dort unterstütze sie einen Arzt bei Aids-Kampagnen, sagt’s und geht in ein Gebiet, in dem 40 Prozent der Erwachsenen HIV-positiv sind.

Die 19-Jährige erlebt, wie infizierte Neugeborene sterben. Kriwet ist mit ihren 1,81 Meter, den blauen Augen und dem damals strohblonden langen Zopf eine auffallende Erscheinung in Afrika. Schnell merkt sie, dass ihre Vorstellung von Entwicklungshilfe nur Düsseldorfer Träume sind und sie als ungelernte Hilfskraft nicht viel ausrichten kann. Als der Papst im selben Jahr in Burundi eine Anti-Kondom-Rede hält, werden die Projekte eingestampft. Kriwet, die sich als aktive Christin bezeichnet, tritt aus der katholischen Kirche aus, wird evangelisch. „Es geht mir nicht in den Kopf, wie man als Kirche das Sterben von Tausenden von Menschen wissentlich in Kauf nimmt, nur um eine Moral aufrechtzuerhalten.“

Ernüchtert und geheilt von Malaria kommt sie zurück nach Deutschland und schreibt sich zum BWL-Studium in Würzburg ein. Sie weiß: Sie will beeinflussen und entscheiden. Sie möchte aufbauen und antreiben, nicht verwalten. „Ich weiß nicht, ob sie sich an mir orientiert“, sagt ihr Vater, Heinz Kriwet, zu dieser Zeit Vorstandsvorsitzender von Thyssen, später Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp. „Berufliche Entscheidungen waren nie Gegenstand von familiären Diskussionen. Und selbst wenn: Sie hätte sich vermutlich nicht beeinflussen lassen.“ Er weiß, seine Tochter geht mit dem Kopf durch die Wand.

Nach zwei Jahren wechselt Carla Kriwet nach St. Gallen, wo sie 1997 ihre Promotion mit Magna cum laude abschließt. Während des Studiums sucht sie nach einer Gelegenheit, um nach Indien, ins Land ihrer Kindheitsträume zu kommen, spricht mit Führungskräften, und macht sogar Praktika bei Unternehmen, die in Indien aktiv sind. Schließlich kommt sie zum Anlagenbauer ABB. Das Unternehmen liefert 90 Hochgeschwindigkeitslokomotiven nach Indien und installiert dort die Innenausstattung. Eigentlich will Kriwet den deutsch-indischen Wissenstransfer beobachten. Doch da zu wenig deutsche Ingenieure vor Ort sind, wird sie ins kalte Wasser geworfen: Tagsüber leitet sie Konferenzen, nachts arbeitet sie sich in die Lokomotiventechnik ein.

Erfolg ist für Kriwet immer zugleich kommerzieller als auch menschlicher Erfolg. In London, wo Kriwet für die Beratung Boston Consulting Group (BCG) arbeitet, schafft sie es in ihren Projekten, Mitarbeiter mit Schwächen zu integrieren, und gründet eine gemischte Fußballmannschaft. „Sie ist eine unglaublich ausgeglichene pragmatische Persönlichkeit, die nicht abhebt und die Dinge gebacken bekommt“, beschreibt Martin Koehler, BCG-Geschäftsführer die ehemalige Kollegin. Koehler war es auch, der Kriwet für die „Karriere des Jahres“ vorgeschlagen hat. „Ich verstoße nur noch selten gegen das Anti-Festbeißprinzip“, bestätigt Kriwet. Es ist einer der wenigen Momente, in dem sie „ich“ sagt. Meist weicht sie in ihren Antworten, die sie mit ruhiger, dunkler Stimme gibt, ins „man“, „wir“ oder „das Team“ aus.

Doch Kriwet hat auch eine andere Seite: Sie hat einen Dickkopf, sie ist direkt und ungeduldig. Manchmal sei sie fast schon undiplomatisch, doch sie ecke nicht an, da Substanz hinter ihren Worten stecke, berichtet Koehler. Als sie bei der Beratung nicht die Branche ihrer Wahl bekommt, kündigt sie und verlässt London und die Zeiten der New Economy. Ein Headhunter holt Carla Kriwet 2003 als Strategieleiterin in die Tiefen der Old Economy, zum Technik- und Gasekonzern Linde nach Wiesbaden. Dort krempelt der neue Vorstandschef Wolfgang Reitzle gerade den Laden radikal um. Kriwet wird seine neue Strategieleiterin. Sie erlebt, wie Linde den britischen Konkurrenten BOC kauft, die Gabelstapler sowie das Kühltruhengeschäft verkauft – Lindes ureigenstes Geschäft. Gründer Carl von Linde baute Eismaschinen.

Nach zwei Jahren hat sie genug von Stab und Strategie, sie will den ultimativen Kick: das Operative. Als Leiterin von Linde Homecare kommt sie 2005 ins Münchener Höllriegelskreuth. In diesem Pullacher Ortsteil ging 1903 Carl von Lindes erste Maschine in Betrieb, die Luft in ihre Bestandteile zerlegte, ein Herzstück der Linde-Welt. Es ist eine hierarchische Männerwelt der Ingenieure, hier zählen Tradition und Erfahrung. Kriwet ist jung, Wirtschaftswissenschaftlerin, im neunten Monat schwanger, und ihr neues Verantwortungsgebiet Homecare ist Teil des kritisch beäugten Bereichs Healthcare.

Es ist kein einfacher Start für die energiegeladene Frau. Doch Kriwet arbeitet sich schnell ein: Sie besucht Krankenhäuser, spricht mit Beatmungspatienten, holt Rat. Ihren Managementstil bezeichnen Mitarbeiter als erfrischend direkt, unkompliziert und offen, aber auch sehr fordernd. „Bei ihr ist viel Druck im Kessel“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. „Aber man trägt die hohe Belastung und die engen Vorgaben mit, weil man versteht, wo es hingeht.“ Kriwet schafft den Strategiewechsel weg vom technisch orientierten Vertrieb hin zur medizinischen Servicegesellschaft: War Linde Homecare bis dahin Sauerstoff-Lieferant und Weiterverkäufer von Beatmungsgeräten, so sieht der Konzern jetzt den Patienten als Ganzes. Linde richtet Pflegestationen für Beatmungspatienten ein und holt diese aus den Intensivstationen der Krankenhäuser. Fortan rechnen die Krankenkassen direkt mit Linde ab – pro Patient, nicht mehr pro Gasflasche. Das lässt die Margen steigen, Homecare ist nicht länger bloß Zulieferer eines einfachen Gases, sondern Partner im Team mit Ärzten und Kassen. Im März wird Kriwet zur Nord- und Zentraleuropa-Chefin des Gesamtbereichs Healthcare. Die kleinste der vier Linde-Säulen wächst antizyklisch – auch jetzt in der Krise.

Trotz ihres außergewöhnlichen Werdegangs sagt Kriwet: „Ich möchte nicht, dass man mich auf meinen Job bei Linde und meine drei Kinder reduziert.“ Das sei zu wenig. Sie fühle sich geküsst vom Glück, das Leben sei eine Lotterie, und sie sei auf der Gewinnerseite, da habe man Verantwortung, das auszugleichen. Aus diesem Grund will sie sich weiter sozial engagieren.

Kürzlich wurde die 38-Jährige als jüngstes Mitglied in den Kreis der Top-Alumni der Boston Consulting Group aufgenommen. Dort nimmt sie bei den Diskussionen über die zukünftige Strategie der Beratung kein Blatt vor den Mund, erzählt ihr Mentor Martin Koehler: „Sie will überraschen und macht bewusst genau das, was man ihr nicht zutraut. Dabei ist sie völlig furchtlos, auch schmerzhafte Wahrheiten auszusprechen.“

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7 Kommentare zu "Carla Kriwet: Die Karriere des Jahres"

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  • Nachdem ich ebenfalls bei Linde arbeite kann ich auch nur auf diesen Satz hinweisen "Heinz Kriwet, zu dieser Zeit Vorstandsvorsitzender von Thyssen, später Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp"
    Sonst wird man bei Linde auch nichts, ausser man kommt von einem andern Unternehmen und konnte sich da entsprechend hocharbeiten.
    Glückwunsch Frau Kriwet, sie wurden im richtigen Haushalt geboren aund waren an den richtigen Schulen und an der richtigen Universität, an der ihr Vater auch keinen Einfluss auf die Ergebnisse hatte.
    bitte beweisen Sie mir doch dass ich falsch liege.

  • ich würde gerne wissen ob sie auch eine so tolle karriere gehabt hätte wenn sie einen langzeit-arbeitslosen als vater und eine putzfrau als mutter gehabt hätte. als geborenes wohlstandskind ist eine solche karriere nichts besonderes. sie hatte stets die besten bedingungen, sowohl aus finanzieller sicht, als auch aus beziehungstechnischer sicht.

  • Ohne die beziehungen wäre da sicher nichts gelaufen, aber letztlich muss sich jeder im Job bewähren. Da helfen das beziehungen nicht mehr. Und das hat Frau Kriwet offenbar gut hinbekommen, Kompliment

  • Kenn die Lady noch aus meiner Schulzeit, als wir in der Hütte der Eltern so manche gute Party gemacht haben. Kohle bis zum abwinken, ohne Frage. Andererseits hat die Dame zweifellos was drauf. Die Frage ist nur, ob Otto-Nomalverbraucherin ihren Ausbildungsweg ähnlich zielorientiert gestalten kann...Aber ich gönn's ihr. Der Vater hat ja auch schon einen guten Job gemacht.

  • @ billy
    Was wäre an beziehungen schlecht. Nur Deutsche verurteilen sie. Wenn man einen bewerber von jemandem, den man schätzt. empfohlen bekommt, ist daß für jeden Einstellenden hilfreich.
    beziehungen können nur Türen öffnen. Was daraus machen, muß jeder selber. Und sie ist sicherlich eine interessante Frau!

  • Klang auf den ersten blick interessant, ist auch sicher eine tolle Karriere vor allem das soziale Engagement.
    Aber da waren doch wohl auch die beziehungen vom Vater sehr hilfreich, oder???

  • Als Kind eines TK VV ist es wohl keine übermäßige Leistung eine derartige stromlinienförmige Karriere zu absolvieren.

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