Carlinhos Brown
Trommler zwischen den Welten

Seine Musikkarriere startete an einem Eisstand, heute ist Carlinhos Brown Brasiliens meistgespielter lebender Komponist - und ein wichtiger Botschafter des südamerikanischen Landes. Mit der brasilianischen "soft power" Kreativität will er der ökonomischen und militärischen Überlegenheit der Weltmächte trotzen.

SALVADOR. Carlinhos Brown kommt spät. Mit klatschenden Ledersandalen wetzt er die lange Treppe zu seinem Studio herunter und entschuldigt sich schon im Laufen. Carlinhos trägt Bermudas, ein weißes indisches Hemd, einen roten Turban, in dem er seine Rastalocken hochgesteckt hat. Er müsse noch schnell bei der Produktion in seinem Studio vorbeischauen. Die Parfümwolke trifft erst ein, als er schon weitergehetzt ist.

Drei ältere Männer warten unten im Hof mit den Mangobäumen. Mit zu engen Jeans und ärmellosen T-Shirts begrüßen sie Carlinhos ehrfurchtsvoll. Der produziert gerade eine CD mit ihnen. „Mar Revolto“ – „Wildes Meer“ nennen sich die Rockveteranen. Es sind die Musiker, mit denen Brown als Halbwüchsiger das erste Mal als Perkussionist auf einer Bühne stand. Carlinhos Brown verkaufte damals als Junge Eis am Stiel, das seine Mutter zu Hause im Kühlschrank produzierte. Weil er beim Warten auf Kunden so virtuos auf dem Styroporkasten trommelte, engagierten die Rocker ihn vom Fleck weg, als ihr eigener Drummer ausgefallen war.

Das war der Beginn von Carlinhos Browns Karriere: Der Perkussionist und Multiinstrumentalist ist heute Brasiliens meistgespielter lebender Komponist – nach seinem Schwiegervater Chico Buarque. Knapp 300 verschiedene Stücke von ihm sind auf Platten von anderen Musikern erschienen. Kaum eine Hit-CD erscheint in Brasilien ohne eine Komposition Browns. Wenn Musikstars aus dem Ausland ihrer Musik einen Vitaminstoß verpassen wollen, dann kommen sie zu Brown in dessen Studio in Salvador, dem Zentrum der afrikanischen Kultur in Lateinamerika. Paul Simon, Bill Laswell, Sergio Mendes, Herbie Hancock, Bebel Gilberto nehmen mit ihm auf oder lassen produzieren. Seine Produktionen und Kompositionen haben mehrfach Grammys gewonnen. Die US-Zeitschrift Billboard wählte ihn zum besten Produzenten Lateinamerikas. Neben seinen eigenen Platten – rund ein Dutzend sind es inzwischen – produziert er mit anderen Musikern anspruchsvolle Alben, die zu Millionen-Hits werden, etwa den Tribalistas, die auch in Europa bekannt sind.

Doch Carlinhos Brown versteht sich nicht nur als Musiker. So wie er zu Beginn seiner Karriere sich dagegen wehrte, „der Perkussionist“ zu sein, obwohl der bereits mit den größten Stars Brasiliens zusammenspielte. Auch „der Produzent“ oder „der Komponist“ will er nicht sein. „Ich bin ein Dienstleister. Ich bringe Menschen zusammen und unterhalte sie“, sagt Brown, „das sind Fähigkeiten, die wir Brasilianer der Welt anzubieten haben. Wir schaffen Räume und Gemeinsamkeiten, wo es keine gibt.“

Brown ist heute einer der wichtigsten Botschafter Brasiliens – „eines Brasiliens, mit dem die Menschen weltweit etwas verbinden, was ihnen verlorengegangen ist: die Fröhlichkeit, die Lebensfreude, die Erotisierung der Kultur, der Spaß an der Bewegung, das spontane Lachen“, sagt Rubens Ricupero, langjähriger brasilianischer Spitzendiplomat. Es ist diese „soft power“, die bislang Brasiliens Ansehen in der Welt ausmacht. Joseph Nye, der führende US-Experte für internationale Beziehungen, hat den Begriff geprägt als eines der unterschiedlichen Instrumente, die jeder Staat hat, um sich in der Welt durchzusetzen: „soft power“ und „hard power“. Danach arbeitet ein Land wie die USA oder China vor allem mit „hard power“, also mit seiner ökonomischen, finanziellen und militärischen Macht, um ihren Führungsanspruch weltweit zu behaupten. Brasilien dagegen verfügt bisher vor allem über „soft power“: Die Nation überzeugt weltweit durch Sport, Kultur, Kreativität, den „freundlichen Menschen“ – wie ihn Sérgio Buarque de Holanda 1937 in seinem Essay „Die Wurzeln Brasiliens“ beschrieben hat.

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