Cesare Geronzi
Der römische Aufsteh-Banker

Mit seinen sauber gescheitelten weißen Haaren, seiner korrekten Kleidung und der kerzengeraden Haltung kommt Cesare Geronzi eher unscheinbar daher. Doch hinter der Fassade versteckt sich ein geschickter Machtmensch: Mit 72 Jahren und nach diversen unrühmlichen Vorfällen kehrt der Banker ins Machtzentrum der Hochfinanz zurück.

MAILAND. „Geronzi – Moralischer Bankrott“, steht in großen Lettern auf dem Plakat, das ein Demonstrant vor dem Eingang der Mediobanca in der Piazzetta Cuccia aufgestellt hat. Hinter den dicken Mauern des klassizistischen Gebäudes hinter der Mailänder Skala wird der römische Banker Cesare Geronzi an diesem Tag zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden der Mediobanca gewählt. Die Ernennung des 72-jährigen Bankers ist jedoch durchaus umstritten.

Noch vor wenigen Monaten sah es so aus, als hätte Geronzi das Ende seiner Karriere erreicht – und das auf unrühmliche Art. Im Dezember 2006 verurteilte ihn ein Gericht in Brescia in erster Instanz wegen Beihilfe zum betrügerischen Bankrott zu 20 Monaten Haft und einem zweijährigen Berufsverbot. Allerdings auf Bewährung und in erster Instanz, und so bestätigte ihn der Aufsichtsrat einen Monat später dennoch im Amt.

Auch im laufenden Prozess um den Zusammenbruch des Lebensmittelkonzerns Parmalat sitzt Geronzi auf der Anklagebank. Unklar ist ebenfalls, welche Rolle er im italienischen Fußballskandal des vergangenen Jahres gespielt hat. Den 2005 nach heftigen Skandalen zurückgetretenen Zentralbankchef Antonio Fazio lud er zur gemeinsamen Pilgerreise mit dem Privatjet ein.

Angesichts all dieser Vorfälle ist es umso überraschender, dass Geronzi nun wieder in die Entscheidungszirkel der italienischen Hochfinanz vordringt. Auslöser ist die Übernahme der römischen Capitalia durch die Mailänder Großbank Unicredit. Noch wenige Tagen vor Bekanntwerden der Fusion hieß es aus Unicredit-Kreisen, Unicredit-Chef Alessandro Profumo wolle sich nicht „einen wie Geronzi an Bord holen“. Schließlich gilt Profumo als geradliniger, unabhängiger Banker, der sich aus dem italienischen Machtklüngel – trotz seiner Sympathien für die Mitte-Links-Regierung – heraushält. Statt den Mächtigen in der Heimat Gefallen zu schulden, baut Profumo lieber marktwirtschaftlich eine europäische Bank auf. Sympathien wurden Profumo eher für den damaligen Vorstandsvorsitzenden der Capitalia, Matteo Arpe, nachgesagt. Der 30 Jahre jüngere Arpe galt als interner Widersacher des weißhaarigen Geronzi. Geronzi dagegen stand für das alte System Italiens. Ob Fußball, Vatikan oder Politik: In allen wichtigen Bereichen der italienischen Gesellschaft ist er bestens verdrahtet.

Der in Marino bei Rom geborene Geronzi begann seine Karriere zunächst bei der Zentralbank. In den 80er-Jahren wechselte er in die Privatwirtschaft und finanzierte jene, die ihm im römischen Panorama nützlich schienen. Gerade bei Capitalia zählten politische Gefallen mehr als die Rendite. Jahrelang galt er als Gefolgsmann des einflussreichen christdemokratischen Politikers Giulio Andreotti. Der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi lobte ihn als „einzigen italienischen Banker ohne linke Sympathien“, obwohl Geronzi die kriselnde Parteizeitung der Kommunistischen Partei finanzierte. „Sein Lebenslauf würde Al Capone vor Neid erblassen lassen“, schreibt der Satiriker und erfolgreichste Blogger Italiens Beppe Grillo.

Trotz der gegensätzlichen Charaktere von Profumo und Geronzi, kam es jedoch zur Einigung. Mit der Übernahme der Capitalia soll Geronzi als Vize des Präsidenten Dieter Rampl in den Verwaltungsrat von Unicredit aufsteigen. Geronzis Widersacher Arpe dagegen verlässt mit einer saftigen Abfindung die Bank. Und da Capitalia und Unicredit gemeinsam zum größten Aktionär der Mediobanaca aufsteigen und Profumo sich zurückzieht, übernimmt nun Geronzi den Vorsitz des neuen Aufsichtsrats der Mailänder Investmentbank, die lange als die geheime Schaltzentrale der italienischen Wirtschaft galt.

„Das ist Italien und es ist alles im legalen Bereich“, kommentierte jüngst ein Mitglied des Aufsichtsrats den Wiederaufstieg des römischen Bankers. Und Geronzi selbst sieht die Gegensätze zwischen ihm und Profumo gelassen: „Manchmal ist es hilfreich, so gegensätzlich zu sein“, sagt er.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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