Chef-Jurist Brad Smith sucht gern und oft nach Kompromissen
Der Microsoft-Softie

Zünftig geht es zu im Hotel Sofitel auf dem Luxemburger Kirchberg. Bradford Smith, den alle nur „Brad“ nennen, hat für den Microsoft-„Warroom“ Rivaner und Leberwurstbrote geordert. Mit einem „Cheers“ vom Senior Vice President ist das kleine Mittagsbüfett eröffnet. Viel Zeit zum Essen bleibt indes nicht. In einer Stunde beginnt im großen Saal des Europäischen Gerichtshofs die Nachmittagsrunde einer Anhörung, die ein gutes Stück weit über die Zukunft des IT-Riesen mitentscheidet.

LUXEMBURG. Die EU-Kommission will Microsoft zwingen, den lukrativen Markt für Multimedia-Anwendungen mit anderen Wettbewerbern zu teilen. Und so drängt der Chefjurist des weltweit führenden Software-Unternehmens zur Arbeit. „Auf geht’s, Herrschaften“, ruft Smith.

Sekunden später hat sich um den Platz des hoch gewachsenen, schlanken Mannes mit dem Gesicht des ewigen College-Boys die Elite der Brüsseler Wirtschaftsjuristen versammelt. 15 hoch bezahlte Anwälte der renommiertesten Kanzleien stehen Microsoft in dem Verfahren bei. Smith überfliegt seine jüngsten Notizen. „Wir haben einen guten Fall“, sagt er in breitem Westküsten-Amerikanisch. Die Runde nickt beifällig, auch wenn die Gegenpartei am Morgen starke Argumente gegen Microsoft vorgetragen hat. Einem Juristen-Kollegen, der in Princeton sein Studium mit summa cum laude abgeschlossen hat, widerspricht man nicht.

Inzwischen ist klar: Im Kartellstreit zwischen der EU-Kommission und Microsoft sind die Chancen für eine Einigung gesunken. Während der zweitägigen Anhörung am Donnerstag und Freitag lehnte Microsoft die Zwangsentbündelung seines Betriebssystems Windows entschieden ab. Jetzt ist wieder die Kommission am Zug.

Smith’s Mission in Brüssel hatte an einem Sonntagabend im vergangenen Januar begonnen: Fünf Anwälte, beladen mit Akten und Computern, zwängen sich in den engen Fahrstuhl, der in das Büro der EU-Vertretung von Microsoft hinaufführt. Im dritten Stock gibt die überladene Kabine den Geist auf, fällt anderthalb Stockwerke zurück und bleibt zwischen zwei Etagen stecken. „Das war damals irgendwie symbolisch für den Gang unserer Verhandlungen mit der EU“, sagt Smith lachend. Der 45-jährige Jurist ist seit gut zwei Jahren Chefsyndikus von Microsoft und kommandiert eine Truppe von 800 Beschäftigten, darunter 300 Rechtsanwälte. Für ehemalige erbitterte Gegner ist er das neue, freundlichere Gesicht von Microsoft und ein Symbol für den Kulturwandel im weltgrößten Softwarekonzern.

Ein Vergleich mit seinem legendären Vorgänger William H. „Bill“ Neukom verdeutlicht dies. Der aristokratische Neukom zog mit Fliege und weißer Pompadour-Locke nach dem Motto „Nichts zugeben, alles niederkämpfen“ gleichermaßen gegen Konkurrenten und Kartellaufseher ins Feld. 22 Jahre lang sicherte der Anwalt, der aus der Kanzlei von Gates senior kam, juristisch die Freiräume, die Firmengründer Bill Gates und der heutige Vorstandschef Steve Ballmer für ihre aggressive Eroberungsstrategie brauchten. Er wurde dabei reich – das Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt sein Vermögen auf 600 Millionen Dollar –, aber er trug damit auch zum Feindbild von Microsoft bei Behörden und in der übrigen High-Tech-Welt bei.

Sein Nachfolger legt dagegen wenig Wert auf imposante Erscheinung. Er attackiert nicht, sondern hört geduldig zu, er analysiert Gegensätze und sucht Kompromisse. Wo Neukom Mauern errichtete, baut Smith Brücken, auch wenn die Fronten im aktuellen Verfahren nun wieder verhärtet erscheinen.

Seite 1:

Der Microsoft-Softie

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%