Chef-Präsenz
Die Flucht der Bosse aus ihrem Nest

Der frühere Chef der Unternehmensberatung McKinsey, Herbert Henzler, sagt: Nur Chefs, die sich um ihre Leute kümmern, haben am Ende Erfolg. Sein Rat: Höchstens einen Tag pro Woche darf die Präsenz außerhalb des Unternehmens kosten.

Das Urteil der McKinsey-Berater war klar. Bei Entwicklung, Fertigung und Vertrieb konnte der Konzern mit seinem Regensburger Installationsgerätewerk den Wettbewerbern aus dem Mittelstand nicht mehr Paroli bieten. Die Anforderungen der Kunden an intelligente Schalter wechselten so schnell, dass der behäbige Großkonzern nicht flexibel genug darauf reagieren konnte. Der Rat der Consultants: Produktionseinstellung.

Prompt verkündete der Vorstand den Geschäftsbereichsleitern, dass das Werk zum nächstmöglichen Zeitpunkt dichtzumachen sei. Wundersamerweise lautete deren Mitteilung an den Werksleiter ganz anders: „McKinsey rät, einige Produktionsprobleme auszuräumen, damit dieses Geschäft langfristig erfolgreich bleiben kann.“ Und bei der Belegschaft kam am Ende nur noch die Botschaft an: Der Geschäftszweig muss seine Produktivität steigern.

Stille Post in der Firma – das ist laut Herbert Henzler, über zwei Jahrzehnte Chef von McKinsey, in der deutschen Wirtschaft keine Seltenheit. „Chefs formulieren eine klare Anweisung, aber auf dem Weg nach unten interpretiert jede Hierarchiestufe je nach Eigeninteresse die Entscheidungsinhalte um“, so Henzler. „Am Ende wird oft sogar das Gegenteil von dem gemacht, was die Unternehmensspitze eigentlich wollte.“ Bei dem Regensburger Installationsgerätewerk passierte Unerhörtes: Es dauerte geschlagene vier Jahre, bis die Produktion tatsächlich eingestellt war. Denn: Das Management kam nie auf die Idee, vor Ort nachzufragen, ob die Anweisung angekommen war und auch umgesetzt wurde.

Ganze Unternehmen gehen vor die Hunde, weil ihre Manager sich selbst und ihre Mitarbeiter nicht genug an die Kandare nehmen. Sie nicht immer wieder nachhaken, ob einmal getroffene Entscheidungen auch tatsächlich umgesetzt werden, warnt Henzler, der selbst aus einer schwäbischen Familie stammt, die sich nach dem Krieg als Feierabendbauern über Wasser hielt. In seinem Buch „Das Auge des Bauern macht die Kühe fett“ (Carl Hanser Verlag) liefert er die Gegenstrategie: „Manager müssen sich ganz und gar auf ihr Geschäft konzentrieren und dürfen sich nicht verzetteln. Selbst wenn’s nervt.“ Und das setzt erst mal voraus, dass die Führungskräfte im Unternehmen präsent sind. Statt sich mit Aufsichtsrats- oder Verbandsämtern zu blockieren und auf Konferenzen, Symposien oder Talkshows Anerkennung zu suchen oder – mindestens genauso schlimm – sich im operativen Geschäft zu verzetteln und zu allem Überfluss die eigentlich Zuständigen zu frustrieren mit der Nummer „Ich bin mein bester Sachbearbeiter“.

Henzler zitiert Woody Allen: „90 Prozent des Erfolgs macht allein schon die Anwesenheit aus. Und das gilt auch für Führungskräfte in ihren Unternehmen.“ Doch wo und wie sie ihre Zeit am besten verbringen – diese Prioritäten zu setzen wird für Chefs immer schwieriger. Alle neun Minuten wenden sich Manager einer anderen Angelegenheit zu, hat Management-Professor Henry Mintzberg aus Kanada in einer Studie festgestellt. Alle neun Minuten tut sich also für Führungskräfte eine Ablenkung oder Versuchung auf, sich von ihren eigentlich wichtigen Aufgaben abzuwenden – und damit vor der Verantwortung zu drücken. Denn wer 20- bis 30mal am Tag Wichtiges am Telefon besprechen muss, zwischen Bilanz-, Planungs- und Lagebesprechungen rotiert, dem fehlt zwangsläufig die Zeit, in Ruhe über die Positionierung seiner Produkte nachzudenken, ausführliche Personalgespräche zu führen und mit Kollegen zu diskutieren, wie sich ihre Firma besser profilieren könnte. Ein Gegenbeispiel hierfür ist, so Henzler, Oswald Grübel, Chef der Credit Suisse Group in Zürich, der seinen Leuten tatsächlich die meiste Zeit schenkt und stets für sie da ist – und es nicht nur behauptet.

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