Chef von Renault und Nissan
Carlos Ghosn: Der Imperator

Carlos Ghosn rettet zuerst Nissan, räumt dann bei Renault auf. Jetzt prüft er überraschend den Einstieg beim angeschlagenen US-Autoriesen General Motors. Das klingt wie eine Erfolgsgeschichte. Doch die meisten französischen Analysten halten nicht viel von seinen Plänen.

PARIS. Manchmal kommt es anders als man sagt – auch für einen so langfristig planenden Top-Manager wie Carlos Ghosn. Noch keine fünf Monate ist es her, da verwies der Chef von Renault jegliche Expansionsgelüste jenseits des Atlantiks ins Reich der Träume. „Ich sage zwar nicht, dass es kein externes Wachstum geben wird, aber derzeit planen wir das nicht“, sagte der Chef des französischen Autokonzerns der Tageszeitung „Le Figaro“ am 14. Februar dieses Jahres. Und er fügte hinzu: „Wenn man sich in den USA engagiert, dann muss das ganze Unternehmen darauf hinarbeiten. Die Bedingungen dafür sind bei Renault derzeit nicht gegeben.“

Mittlerweile offenbar doch. Ghosn, in Frankreich auch „der Imperator“ genannt, will Nordamerika erobern – und zwar über den Umweg General Motors (GM). Am Wochenende wurde bekannt, dass Renault und sein Schwesterkonzern Nissan erwägen, mit jeweils zehn Prozent beim krisengeschüttelten US-Autogiganten einzusteigen. GM soll Renault offenbar dabei helfen, einen weißen Fleck auf der Landkarte seiner internationalen Absatzmärkte zu füllen. Denn bislang waren die Franzosen in den USA nicht präsent.

Mit dem spektakulären Coup hat Ghosn seine Landsleute überrascht. Dabei hat der Patron des traditionsreichsten französischen Konzerns nie einen Hehl daraus gemacht, dass er große Taten vollbringen will. Schon als er die Geschicke von Renault im Mai vergangenen Jahres übernahm, philosophierte Ghosn in einem Fernsehinterview über den Unterschied zwischen einem „guten“ und einem „großen Unternehmensführer“: Der erste bringe gute Ergebnisse, der zweite hingegen schreibe eine ganz neue Geschichte. Ghosn ließ damals keinen Zweifel daran, dass er zur zweiten Kategorie gehören möchte.

Bei Nissan ist Ghosn das gelungen: Als er 1999 im Chefsessel des japanischen Tochterunternehmens von Renault anfängt, gilt Nissan als nahezu hoffnungsloser Fall. Der Konzern hat gerade einen Jahresverlust von 6,5 Milliarden Dollar ausgewiesen und steht mit 20 Milliarden Dollar Schulden in der Kreide. In dieser verzweifelten Lage verblüfft Ghosn die Branche mit großen Versprechungen: Binnen drei Jahren werde Nissan wieder Geld verdienen und seine Verschuldung halbieren, kündigt der Mann aus Paris an. Das Ziel erreicht er sogar vor Ablauf dieser Frist und treibt die Rendite anschließend weiter in spektakuläre Höhen.

Damit ist ein neuer Mythos geboren, den französische Zeitungen heute in einem Atemzug mit der US-Managerlegende Lee Iacocca nennen. Dass Nissan neuerdings unter Absatzproblemen insbesondere in den USA leidet, schadet Ghosns Ruf bislang nicht.

Was dem „französischen Guru“ in Japan entgegengebracht wird, grenzt schon an Anbetung, und auch in Frankreich ist er zum Medienstar avanciert. Dem „frechsten Draufgänger der Autoindustrie“, der in seinem „fliegenden Büro“, dem Firmenjet Gulfstream 6550, rund um die Welt reist, schlägt in allen Gazetten Bewunderung entgegen.

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