Die Chef-Beraterin
Das leidige Thema Leinen

Alle Jahre wieder: Im Sommer greifen die Herren zum luftigen Leinenanzug. Soll edel aussehen, sieht aber nach kurzer Zeit aus wie ein Kartoffelsack. Leinen geht gar nicht, findet unsere Kolumnistin Sabina Wachtel.
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Ich habe es schon tausendmal gesagt und kann nur immer wiederholen: Wenn Männer wüssten, wie gut sie in einem Anzug aussehen und wie sexy sie damit rüberkommen, dann würden sie einiges an Zeit und Geld in den Anzugkauf investieren. Glauben Sie mir! Frauen im Kostüm können auch verdammt gut aussehen, aber sie machen bei Weitem nicht so eine Sause wie ein Mann im gutsitzenden Anzug.

Soweit so gut. Wenn nur nicht jedes Jahr im Sommer dieses Gerücht aufkäme: Wer lanciert eigentlich alljährlich aufs Neue die Botschaft, Leinen sei der einzige Stoff, der angenehm und kühlend zu tragen sei auf der Haut? Und warum halten sich ausgerechnet daran so viele Männer fest? Jeden gut gemeinten Rat schlagen sie sonst doch auch in den Wind. Die Stilberater dieser Erde, gefragt oder ungefragt, wiederholen gebetsmühlenartig ihre Warnungen vor Kurzarmhemd, vor Sandalen mit Strümpfen, vor Deo-Boykott und Bermudashorts. Alles geschenkt. Kaum kommt die Sonne raus, sind sie alle wieder da, die kleinen großen Fehltritte. Man kann sagen: Aus ästhetischer Sicht muss man sich über den verregneten Juni einfach freuen.

Aber ausgerechnet beim Thema Leinen aber schalten Männer auf stur. Nein, sie schalten nicht auf stur, sie kämpfen quasi ums Überleben. Leinen ist für sie der einzig wahre Stoff, um den Sommer zu überleben. Deshalb tragen sie munter und frohgemut Leinenanzüge. Und wir sprechen hier von Sommer in Deutschland, hier gibt es weder Wüsten noch Regenwälder, und auch wenn uns manchmal richtig warm wird: Die durchschnittliche Temperatur liegt selbst im Sommer noch unter 20 Grad. Anders als beispielsweise in der Sahara, wo es einfach auch sehr, sehr trocken ist, liegt die Luftfeuchtigkeit zudem im Schnitt bei 60%.

Um nochmal zum Leinenanzug zu kommen. Leinen (auch Leinengemisch) sieht nach spätestens zwei Stunden aus wie Hund. Das geht gar nicht!

Sämtliche Tricks (Jacke, über den Stuhl zu hängen, vor dem Sitzen glattstreichen und dann nicht mehr bewegen, den ganzen Tag im Stehen zu verbringen oder den Anzug stärken und dann sehr sorgfältig bügeln) helfen nix. Es macht leider auch nur einen minimalen Unterschied, ob der Anzug teuer oder billig war. Leinen wird und wirkt nun mal in kürzester Zeit knitterig, ungepflegt, labberig – auch in 1A Qualität.

Irgendwann hatte eine deutsche Modefirma eine super Idee. Sicher ist sicher, dachten sie sich. Und entwickelten den Werbespruch „Leinen knittert. Aber Leinen knittert edel.“ Damit war auch erst einmal für ein paar Jahre Ruhe. Jeder, der bereits nach wenigen Stunden in seinem Leinenoutfit aussah, als hätte er drei Tage damit auf einem Zeltplatz übernachtet, hatte jetzt zumindest immer einen coolen Spruch parat. Geholfen hat es letztlich nichts.

Frauen dienen übrigens hier auch nicht gerade als Vorbild. Es gibt immer noch genügend Damen, gerade im Sommer, die der Meinung sind, wenn sie schon um 10 Uhr morgens mit zerknitterter Bluse ins Meeting gehen, reicht als Erklärung „Es ist doch Leinen!“, und alles ist gut. „Zerbeult und unglücklich sieht dieses Kartoffelsack-Zeug aus“, flüsterte mir mal ein Kollege zu. Kartoffelsack-Zeug! Der Ausdruck trifft es schon.

Meine Meinung: Leinen knittert nicht edel. Leinen sieht einfach besch…aus.

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und 55dresscodeberater.de. Außerdem ist sie Autorin.

Sabina Wachtel
Sabina Wachtel
/ Kolumnistin, Unternehmerin

Kommentare zu " Die Chef-Beraterin: Das leidige Thema Leinen"

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  • Klasse! Endlich mal wieder ein Artikel, über den man hemmungslos ablachen kann.

    Ich sag' ja immer, Deutschland ist Winterland...

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