Die Chef-Beraterin
Die große Abrechnung mit dem Casual Friday

Mit dem Casual Friday ging es im Büro bergab. Freitags lösen sich Mitarbeiter vom Zwang des Büroalltags, indem sie T-Shirts und Jeans tragen. Wissen sie nicht auch ohne den Kollegen in Feinripp, wann Wochenende ist?
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Bislang dachte ich ja, der Casual Friday sei eine relativ neue Erfindung. Wikipedia hat mich eines Besseren belehrt. Aber glaubt man dem Internet, so fing das Desaster bereits in den späten 1950er-Jahren an. In den USA und in Kanada wollte man zunächst die Arbeiter in den neu entstandenen Großraumbüros bei Laune halten.

Völliger Nonsens: Freitags durften und dürfen die Mitarbeiter, die sonst in einem, wie ich finde, völlig zumutbaren Arbeitsdress erschienen, leger oder sportlich aufschlagen. Zum Ende der Arbeitswoche dürfe man sich von den Zwängen des Büroalltags lösen und auf das nahende Wochenende einstimmen.

Auf diese Weise soll „die Arbeitsmoral der Angestellten erhöht werden“. Anzug mit Krawatte (im schlimmsten Fall) gegen Jeans und T-Shirt (auch im schlimmsten Fall). Kam nicht besonders gut an. Ich denke, die Angestellten wussten auch ohne den Tischnachbarn in Schiesser-Feinripp, wann Freitag ist.

Der wahre Grund, weshalb sich der Casual Friday über den ganzen Globus ausbreiten konnte, war natürlich wieder einmal das liebe Geld. Die Textilindustrie wollte den Vertrieb legerer Freizeitkleidung stärken. Wenn aber die arbeitende Bevölkerung nur an ein bis zwei Tagen in der Woche mal ein T-Shirt überzieht und den Rest der Woche im Anzug verbringt, kommt man mit dem Verkauf von T-Shirts eben auf keinen grünen Zweig. So sagte man sich eben: Lass' uns doch den Schlabber-Look zu etwas Erstrebenswertem erklären. Fortan galt es als „Freiheit“, durfte man sich ohne formelle Kleidung zeigen.

Wie steht es eigentlich derzeit um den Casual Friday? Wenn ich freitags Termine wahrnehme, begegnet man mir jedenfalls ausnahmslos angemessen gekleidet. Gerade in den großen Konzernen, aber auch in kleinen Unternehmen bereitet sich offenbar niemand extrem „casual“ aufs Wochenende vorzubereiten.

Der Hinweis auf die Unternehmenskultur („lockere Kleidung führt zu einer lockeren Atmosphäre“) leuchtet mir ohnehin nicht ein. Der Kollege etwa, mit dem ich mich in der Kantine kürzlich nicht über den Job unterhalten habe, sondern übers Segeln – was sein neu entdecktes Hobby ist: Ja, würde ich den wirklich spannender finden, wenn er mir nicht in Anzug und Krawatte gegenüber gesessen hätte? Wohl kaum. Würde ich, wenn sie sich nur einmal in ihrer Lieblingsjogginghose zeigen würde, überraschende Gemeinsamkeiten zwischen mir und der nervigen Tussi aus dem Controlling finden? Sehr unwahrscheinlich. Das geht nämlich gar nicht!

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Manchenorts wird sogar schon ein Formal Friday gepflegt

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