Die Chef-Beraterin: Im Fahrstuhl guckt man geradeaus

Die Chef-Beraterin
Im Fahrstuhl mit Frau Knigge

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Im Fahrstuhl guckt man geradeaus

Kaum zu glauben: Die Basics habe ich schon drauf, versichert mir die Knigge-Trainerin. Nun geht es allerdings an die Details: Unter dem kritischen Blick der Meisterin des gepflegten Aufzug-Fahrens nähere ich mich nun der gewählten Etage. Wir sind bald oben. Ich mustere die anderen und wundere mich, ob die überhaupt wissen, auf was man alles achten muss bevor sich die Fahrstuhltür geschlossen hat. Allzu viele Gedanken kann ich mir nicht machen, ich habe noch einen Call, super, 30 Sekunden sollten reichen, schade, dass die Verbindung so schlecht ist, ich würde gern weniger laut sprechen und dafür alles nur einmal sagen. Wir steigen aus.

Erwartungsgemäß bekomme ich von der Knigge-Trainerin eins aufs Dach. Das sei unmöglich. Man telefoniert nicht im Fahrstuhl oder hängt am Handy.

Also nochmal. Diesmal weist mich die Knigge-Trainerin vorher an. Ich soll daran denken, nach Eintritt und Begrüßung eine aufrechte Haltung einzunehmen, Blickrichtung Fahrstuhltür. Nicht auf den Boden gucken! Und (kurz befürchte ich, sie würde mir auf die Finger hauen) man fängt auch nicht aus Verlegenheit an, in der Tasche nach einem Kaugummi zu suchen. Man starrt nicht hoffnungsvoll die Etagenanzeige an. An die Decke guckt man auch dann nicht, wenn sich dort ein Spiegel befindet. Im Fahrstuhl guckt man geradeaus! Puh, streng.

Ideal sei es die Hände mit verschränkten Fingern vor dem Körper zu positionieren. Aussage „Ich halte die Distanzzone ein“ (ob sie den Film „Elevator“ gesehen hat?). Direkt wieder rein in den Fahrstuhl, es geht diesmal nach unten. Es kommt mir wie eine Metapher vor. Hochmut kommt… - naja, Sie wissen schon. Die Knigge-Trainerin sagt, ich habe meine Sache beim letzten Anlauf schon sehr viel besser gemacht. Ich bin ein bisschen stolz.

Ich habe eine Geschäftsidee. Am Rande des Schwarzwalds wird es demnächst einen Testturm für Fahrstühle geben. Kein Witz. Es wird eine neue Technologie getestet, der Fahrstuhl fährt mit Magneten statt an Seilen. Ich schlage eine Zweitnutzung vor: Die aufzugfahrenden Gäste der zu errichtenden Aussichtsplattform können ihre Kompetenzen im Fahrstuhlfahren erproben. Angenehmer Nebeneffekt: Es ist sehr anstrengend (das habe ich am eigenen Leib erfahren) und lenkt deshalb vielleicht ein bisschen von dem unguten Gefühl ab, sich in einem Aufzug zu befinden, der nicht durch ein Seil gehalten wird.

In der täglichen Praxis hat das Ganze aber einen entscheidenden Nachteil. Sie wirken ansprechbar. Sie sehen aus, als wäre Ihnen nach Smalltalk. Auch morgens um 7.30 Uhr schon. Auch nach einem langen Arbeitstag mit gefühlten 80 Calls (die Sie sämtlich außerhalb des Fahrstuhls geführt haben). Der Fahrstuhl kennt weder Zeit noch Raum. 30 Sekunden, und Ihr Gegenüber wird sich mit Ihnen unterhalten, über das Wetter, Fußball oder den Stau auf der A3. Wenn Sie das nicht möchten, hätte ich ein paar Tipps für Sie. Der wichtigste: Verstecken Sie ein Päckchen Kaugummi in Ihren Taschen.

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und 55dresscodeberater.de. Außerdem ist sie Autorin.

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