Die Chef-Beraterin
Münchhausen lässt grüßen

Unser Alltag ist voller Notlügen. Kleine Unwahrheiten, um jemanden zu schonen. Gerade im Business sind solche Gepflogenheiten essentiell. Würden wir uns gegenseitig immer die Wahrheit sagen, gäbe es Mord und Totschlag.
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Das ist jetzt wirklich Gedankenübertragung. Ich hatte den Hörer schon in der Hand, Sie sind mir zwei Sekunden zuvorgekommen. […] Das gibt’s doch nicht. Wann? Die E-Mail habe ich gar nicht bekommen, da muss ich gleich mal dem Admin auf den Pelz rücken. Ich kümmere mich aber sofort, wenn wir aufgelegt haben.

Kommt Ihnen bekannt vor? Hören Sie – so oder ähnlich – tagtäglich? Klar, denn das sind die Klassiker aus dem Bingo der Business-Lügen. Lüüüüügen, fragen Sie, langgezogenes „üüüü“ und die Augen unschuldig aufgerissen? Ja, sage ich: Lügen, oder Münchhausen lässt grüßen. Denn wer immer das sagt, hat vielleicht gerade die Kaffeetasse in der Hand, das Pausenbrot, die Zeitung von gestern – aber ganz bestimmt nicht den Telefonhörer. Wenn so viele E-Mails verloren gingen, wie jeden Tag behauptet wird, würde die Weltwirtschaft zusammenbrechen. Und wenn wir alles immer sofort machen würden, bräuchten wir jede Stunde des Tages in doppelter Ausführung. Oder zwei Gehirne.

Unser Alltag ist voller solcher kleinen … Notlügen, kann man vielleicht sagen. White Lies sagt man, wenn man nicht aus niederen Beweggründen die Wahrheit verschweigt, sondern weil man jemanden schonen möchte. Statt zu sagen: „Das Kleid sitzt an Ihnen wie eine Wurstpelle“, sagen wir: „Die Farbe passt so toll zu Ihren Haaren.“ Statt zu sagen: „Dein Anliegen ist mir einfach völlig egal“, sagen wir: „Ich hätte dich auch gleich angerufen.“ Seien wir doch (dieses eine Mal) ehrlich – wenn wir uns gegenseitig immer die Wahrheit sagen würden, gäbe es Mord und Totschlag. Und das geht gar nicht!

Und gerade im Business sind solche Gepflogenheiten essentiell. Unsere Tage sind zu knapp getaktet, unsere Prozesse zu komplex, als dass wir uns dann noch mit Befindlichkeiten und Unwägbarkeiten herumschlagen könnten. Sie fanden die Projektvorstellung des Kollegen zu lang, zu unstrukturiert und eigentlich auch schlicht unverständlich? Wenn Sie so sind wie wir alle, werden Sie sich artig für den spannenden Input bedanken. Sie ärgern sich maßlos, weil die Partner sie die ganze Arbeit machen lassen, während des gesamten Prozesses keine, aber auch gar keine Frage beantworten und dann am Ergebnis rummeckern? Sie werden bei der Präsentation höchstwahrscheinlich betonen, wie wichtig Feedbackschleifen sind, um zu einem optimalen Resultat zu kommen.

Sie finden das alles falsch und unehrlich und überhaupt ganz, ganz schlecht? Beobachten Sie sich lieber einmal selbst. Glauben Sie mir: Wenn wir nicht ein kleines Set an Floskeln parat halten würden, wir würden nach wenigen Tagen wahnsinnig werden. „Das steht ganz oben auf meiner To-do-Liste“ oder „Das ist ein ganz, ganz wichtiges Thema“, sollten wir schnellstens angehen. Auch gern genommen: „Die Argumente überzeugen mich total, ich lasse mir das noch mal durch den Kopf gehen. Das setzen wir dann im nächsten Quartal um.“

Und so weiter und so fort. Jetzt stellen Sie sich das doch mal vor: „Ich hab das völlig vergessen, denn das Thema ist mir völlig egal.“ Oder „Diesen Schwachsinn habe ich mir schon tausendmal angehört, wir machen das einfach genau so, wie wir es immer gemacht haben.“ Auch schön wäre zu hören: „Für solche Hirngespinste haben wir einfach weder Geld noch Zeit.“

Wollen Sie das wirklich so hören? Nein? Also! Sag ich doch!

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und MEMBER OF THE 55. Außerdem ist sie Autorin.

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