Die Chef-Beraterin Unpünktlich = unhöflich, desinteressiert, überheblich

„Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige“, heißt es. Eigentlich sollte Pünktlichkeit also eine Selbstverständlichkeit sein, ist sie aber nicht. Auch im Geschäftsleben nicht. Das zeugt von schlechtem Benehmen.
8 Kommentare
Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.
Die Chef-Beraterin

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Dienstag. 11 Uhr. Ich bin zu einem Meeting eingeladen. Wie so oft bin ich zehn Minuten zu früh. Eigentlich bin ich immer zu früh. Und eigentlich sind zehn Minuten vor einem Termin bei mir schon eher spät. Ich komme früh zu Verabredungen, weil ich immer mit irgendwelchen Katastrophen rechne, die mir unterwegs passieren können.
Es ist Stau oder der Taxifahrer kommt nicht oder die Bahn streikt oder mein Navi gibt den Geist auf und ich muss mich alleine durchschlagen, weil kein Mensch auf der Straße ist, den ich nach dem Weg fragen könnte. Fazit: Es kann einem viel in die Quere kommen.
Wie viele Züge sind denn pünktlich? Staus auf der Autobahn, Kollegen, die keine Puffer einplanen, weil sie ja dann eine halbe Stunde früher aufstehen müssten, da gibt es jede Menge. Oft kommt kaum einer pünktlich in die Termine, geschweige denn, dass sie pünktlich fertig werden. Tatsächlich addiere ich die Verzögerungen durch alle möglichen Vorkommnisse zu der Zeitspanne, die ich letztlich zu früh beim Termin erscheine – weil man sich meistens darauf verlassen kann, dass nicht alles gleichzeitig passiert.

So. Also geht es in zehn Minuten los. Ich warte noch acht Minuten, bevor ich reingehe und mich am Empfang anmelde. Und dann passiert genau das, was sehr oft passiert. Es ist 11 Uhr, es ist noch niemand außer mir da. Der zweite Teilnehmer trudelt 11 Uhr 12 ein („Sorry, kam noch ein Anruf dazwischen.“), der Referent ist noch nicht da. Wir warten. Dann kommt Nr. 3 („Sorry, musste noch schnell was fertigmachen.“). Wir warten immer noch. Denn der Referent ist immer noch nicht da. Mittlerweile sind 20 Minuten rum.
Der Referent kommt. Und er disqualifiziert sich für mich gleich doppelt, weil er sich noch nicht mal entschuldigt. „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige“, sagt man schließlich. Und nein: Das ist keine typisch deutsche Pedanterie, wie ich mir immer mal unterstellen lassen muss.
Die Studie eines großen Personaldienstleisters hat gerade erst zutage gebracht, dass Unpünktlichkeit in den USA als zweitgrößtes Ärgernis im Geschäftsalltag gilt. Noch mehr genervt sind die Amerikaner nur von Klatsch und Tratsch. Im Augenblick sind die USA ebenso weit weg wie die Regionen Lateinamerikas, in denen als pünktlich angeblich auch noch jemand gilt, wenn er sich nicht wesentlich mehr als eine Stunde verspätet. Ich versuche mir meinen Ärger nicht mehr als nötig anmerken zu lassen. Kann mir aber den Hinweis nicht verkneifen, dass ich um 13:30 Uhr den nächsten Termin habe. Ich ernte einen ungehaltenen Blick.

Zeit ist ein Faktor
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8 Kommentare zu "Die Chef-Beraterin: Unpünktlich = unhöflich, desinteressiert, überheblich"

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  • Dusselig" und "dusselig".

    Mir ist es ernst mit meiner Aussage, und ich stimme auch @Steffen Rupp völlig zu.

    Aber natürlich ist mir auch klar, dass man das Thema "Pünktlichkeit" in Deutschland nicht diskutieren kann, ohne frontal gegen eine ideologische Wand zu fahren. Die Leute reagieren, als ob man die Weisswurst in Bayern verbieten wollte. Die Frau Pünktichkeit fühlt sich sofort in ihrem Lebenswerk bedroht, und der Herr Pünktlichkeit wittert Anarchie und Chaos. Und alle klopfen sich gegenseitig auf die Schultern, denn wo kämen wir denn hin ohne Pünktlichkeit?

    Diese Frage kann man beantworten, indem man sich auf dem Planeten etwas umschaut. Anderswo ist der deutsche Pünktlichkeitswahn weitgehend unbekannt, und dort müsste die Welt - oder wenigstens das Geschäftsleben - doch längst untergegangen sein?

    Jedoch: Pünktlichkeit ist ein Relikt aus dem finstersten Industriezeitalter, als Arbeitsplätze noch wie Infantrieregimenter geführt wurden. Und bei Pünktlichkeit geht es NICHT um Planbarkeit, sondern um Psychologie, wie von Steffen Rupp auch sehr schön dargelegt.

    Urzeitlich organisierte Arbejtsplätze mit altertümlichen Chefrollen brauchen die autoritären Rituale der Unterwürfigkeit, und verkaufen dies als Gebot des Respekts, der Höflichkeit oder des Teamgeistes.

    Dort, wo wirklich Teamgeist herrscht, und wo alle - nicht nur der hierarchisch höherstehende - Anspruch auf Respekt haben, kann man ohne Probleme Raum geben für Mitarbeiter, die ihre Zeit selbst disponieren - und notfalls auch kurzfristig umdisponieren. Wer zum Meeting nicht (rechtzeitig) erscheint, kann seine Aufgaben offensichtich auch ohne diese rituelle Zeitverschwendung lösen. Na und? Das verdient weder Lob, Tadel, noch überhaupt Erwähnung.

    In jungen und kreativen Branchen wird das oft auch bereits gehandhabt, denn Hierarchien und Disziplinierung stehen hier den Resultaten nur im Weg.

    Deshalb: Höflichkeit und Rücksicht gerne, Pünktlichkeit dagegen nur, wo es inhaltlich auch wirklich Sinn macht.

  • Sie haben eine Punktlandung hingelegt, genauso ist es. Danke

  • "Pünktlich = Anonym, unterwürfig, unterbeschäftigt"

    Ich würde sagen andersrum wird ein "Schuh" daraus: Unpünktlichkeit zeugt von mangelhaften Fähigkeiten zu koordinieren, die Arbeit sich einzuteilen und vielleicht auch von mangelhafter Teamfähigkeit. Wenn mal ein dringender Anruf dazwischen funkt, hat man noch immer die Möglichkeit den dringenden Anruf kurz in die Schleife zu legen und die wartenden Besprechungsteilnehmer zu informieren, dass man etwas später erscheint.

  • Was für dusselige Aussagen von den Herren hier. Pünktlichkeit zollt dem anderen gegenüber als Person Respekt und hat weder was mit dem einem noch mit den anderen zutun, aber wie man in den Wald hineinruft so schallt es heraus.

  • Ich kann der Verfasserin zur zustimmen.
    Ich selbst bin seit 25 Jahren im Verkauf tätig und fahre demzufolge zu Kundenterminen. Es passiert mir höchst selten, dass ein Gesprächspartner unpünktlich ist, auch ich bin immer pünktlich. Denn bei längeren Fahrten plane ich 1 Stunde zusätzlich an Fahrzeit ein. Ich kann auch bestätigen, dass je höher jemand in seiner Position ist, desto pünktlicher. Er erwartet dann aber auch ein pünktliches Gesprächsende. Das bedingt gute Vorbereitung.
    Oft erlebe ich Unpünktlichkeit bei den "niederen Rängen", manchmal um zu dokumentieren. Guck mal wie wichtig ich bin, so viel habe ich zu tun.

    Ich bin bei meinen Kunden für meine Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit bekannt und das ist ein wichtiger Faktor.

  • Die Konflikte, die aus schlechtem Benehmen herrühren, muss man sich erst einmal leisten können. Und wollen.

    Oder anders ausgedrückt- weibliche Mitarbeiter, die stets pünktlich sind, müssen auch damit rechnen, von Chefs und Chefinnen bei Gehaltsverhandlungen benachteiligt zu werden, weil sie damit geringere Konfliktbereitschaft und einen niedrigeren Status signalisieren als der stets von (angeblich so viel) wichtigeren Terminen geplagte Kollege, der -ganz natürlich- das akademische Viertel für sich in Anspruch nimmt.

    Dies noch einmal zum Thema "equal pay day". Haltet euch doch einfach einmal an die sozialen Spielregeln, dann klappt es auch mit der Gehaltserhöhung ... ;-)

  • Danke, endlich... ich bin genau Ihrer Meinung! Unpünktlichkeit ist ein Zeichen von Desinteresse und Arroganz. Dann braucht man den Termin gar nicht erst machen.

  • Pünktlich = Anonym, unterwürfig, unterbeschäftigt

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