Die Chef-Beraterin
Wie wir jeden Tag reden

Vor mehr als 300 Jahren hat Molière festgestellt, dass derjenige gut spricht, der so spricht, dass er verstanden wird. Ein schönes Prinzip eigentlich, und meiner Meinung nach unverändert gültig. Oder sollte es sein.
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Die Frage ist nur: Von wem will man verstanden werden? Oder anders: Will man überhaupt verstanden werden? Nicht immer wie mir scheint.

Anders kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen, wieso kaum ein Meeting mehr ohne Englisch, Denglisch und schlicht Fantasiewörter auskommt.

Völlig normal, wenn Chief Operating Officer Wolfgang Würzer sein Team begrüßt: „Hallo, schön, dass Ihr da seid. Ihr wisst ja schon, dass die Deadline für unser Speech Event naht. Termin to be fixed. Schon in zwei Wochen.“ Man mag Herrn Würzer nicht gleich unterstellen, dass er gar nicht weiß, um was für eine Veranstaltung es sich handelt, aber der Verdacht drängt sich doch auf – „Speech Event“, da fragt dann aber keiner mehr nach.
Reicht ja im Zweifelsfall auch wenn Silke Soundcheck (Senior Assistant to Wolfgang Würzer) Bescheid weiß: „Ich verteile erst mal den aktuellen Time-Table. Außerdem habe ich heute Morgen auf dem Event-Schedule gesehen, dass der Ablauf nicht gemaket ist, nix priorisiert. Wer macht das denn? Und was ist mit dem Budget?“ Heinz Herbst, Head of Facility Management, haut in die gleiche Kerbe: „Ich frag mich sowieso, wie wir Euch supporten sollen, wenn Ihr noch nicht mal einen Schedule habt.“ Angespannt sitzt er auf der Stuhlkante.

Ein kleiner Einblick in die Business-Realität, und gleich etwas zu lernen: Wer keine Ahnung hat, schlecht organisiert ist und im Zeitplan weit zurück liegt, kann durch kleine Tricks dennoch souverän wirken.
Angenehmer Nebeneffekt für den Sprechenden: Er kommt wichtig rüber.

In der hier beobachteten formlosen Zusammenkunft (Meeting) der Planungsgruppe (Steering Group) Vortragsreihe (Speech Event) jedenfalls zeichnet sich allein schon durch das Beherrschen der sprachlichen Gepflogenheiten das hierarchische Gefälle ab. Werner von Weichey, seines Zeichens Head of Controlling, hat inzwischen rote Flecken auf der Stirn: „Hier gab’s kein Agreement. Weder von Euch noch von ganz oben. Das muss ich noch checken. Wer macht denn überhaupt jetzt die Keynote?“

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Kommentare zu " Die Chef-Beraterin: Wie wir jeden Tag reden"

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  • "Will man überhaupt verstanden werden? Nicht immer wie mir scheint."

    Sieht ganz so aus.

    Warum spricht man dann überhaupt?

    Wie es scheint, oft nur, um anzugeben. Oder andere zu beeindrucken bzw. einzuschüchtern.
    Fallen leider viele drauf rein.

    Wäre in allen diesen Fällen besser, einfach die Klappe zu halten. Gilt auch für Politiker.

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