Chefin der Avon-Beraterinnen
Kosmetik-Königin Andrea Jung am Boden

Mit Bescheidenheit und Leidenschaft konnte sich Andrea Jung beim Konzern Avon viele Jahre lang als Chefin behaupten. Nach einem Schmiergeldskandal und massiven Aktienverlusten könnte sie ihren Posten bald los sein.
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New YorkEin Brief in der Schublade ihres Büroschreibtischs ist eines der Stücke, die Andrea Jung besonders schätzt. Es ist ein Brief, den ihr ihr Vater schickte, als sie 1999 Vorstandschefin von Avon wurde. „Kultiviere die Abwesenheit von Arroganz und Angeberei“, schrieb der Vater.

An den Rat hielt sich Jung. In zwölf Jahren als Chefin des Kosmetikkonzerns erwarb sie sich den Ruf einer leidenschaftlichen Managerin. Mit Perlenkette, modisch-strenger Kleidung und perfektem Make-up personifizierte sie den Aufstieg von Avon: erfolgreich, bescheiden, gut aussehend.

Doch der Erfolg schwindet. Avon hat Probleme mit dem Justizministerium und der Börsenaufsicht in den USA. Der Konzern soll Hunderttausende Dollar an Schmiergeldern in China gezahlt haben, um an eine Lizenz für den Haustürverkauf zu erhalten. Tatsächlich erhielt Avon 2006 als erstes ausländisches Unternehmen eine solche Erlaubnis – damals galt das als einer der größten Erfolge von Jung.

Doch jetzt erweist es sich als Fluch. Zahlreiche Spitzenmanager mussten schon gehen, vor wenigen Tagen auch Vize-Chairman Charles Cramb. Jung konnte sich bislang gut aus der Affäre ziehen: Im Dezember trat sie als Vorstandschefin zurück, bleibt aber solange im Amt, bis ein Nachfolger gefunden wird. Dazu will sie noch zwei Jahre den Titel als Chairman behalten.

Entscheidend wird sein, wie ihre Nachfolge entschieden wird. Derzeit sind nach Medienberichten drei Kandidaten in der engeren Auswahl, darunter Mindy Grossman, Chefin des erfolgreichen Einkaufs-Fernsehkanals Home Shopping Network, und Brian Cornell, früherer Chef von Sam’s Club, der Warenhauskette von Wal-Mart.

Doch die Spitzenmanager sind nicht so leicht zu Avon zu locken. Sie wollen nicht unter Jung arbeiten. Das gibt der Konzernführung zu denken. Denn Handlung tut not. Die Aktie brach in den vergangenen zwölf Monaten um rund 40 Prozent ein, Gewinn und Umsatz fielen im gestern verkündeten vierten Quartal 2011 miserabel aus.

Wird Jung abgelöst, wäre es das Ende einer steilen Karriere. Die Amerikanerin wuchs als Kind einer chinesischen Klavierspielerin und eines in Hongkong geborenen Architekten im US-Bundesstaat Massachusetts auf.

Die 53-Jährige spricht fließend Mandarin und schloss ihr Studium an der Eliteuniversität Princeton mit magna cum lauda ab. Bei der amerikanischen Luxus-Kaufhauskette Neiman Marcus stieg sie auf, um 1994 zu Avon als Marketingchefin zu wechseln. Heute sitzt sie in den Verwaltungsräten des Computerherstellers Apple und des Mischkonzerns General Electric. Noch 2009 hob das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ sie auf Platz 25 aller Frauen mit der größten Macht in der Welt. Doch damit könnte es bald vorbei sein.

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