Chefsessel bei Thyssen-Krupp
Nur einer wird gewinnen

„Klaus Borgschulte (46) legt mit sofortiger Wirkung seine Ämter bei Thyssen-Krupp nieder.“ Diese Meldung über Abgang des Werftenchefs überraschte am Wochenende die Öffentlichkeit. Beobachter sind geneigt, nach solchen Personalien aus der zweiten Führungsebene schnell wieder zum Tagesgeschäft überzugehen. Doch es steckt mehr dahinter, als man vermutet.

DÜSSELDORF. Wie es in Unternehmenskreisen heißt, muss Borgschulte gehen, weil sein Verhältnis zu seinem obersten Chef, Konzernvorstand Olaf Berlien, bereits seit Monaten angespannt war. Bei Präsentationen des Werftenbereichs von Thyssen-Krupp vor Investoren „hat Borgschulte klar durchblicken lassen, dass er sich für den besseren Manager hält“, berichten Insider.

Berlien musste also handeln, um seine Aufstiegschancen im Konzern nicht zu verspielen. Denn der 44-jährige Chef der Sparte Anlagenbau/Werften sowie Automobilzulieferung zählt neben Stahlvorstand Karl-Ulrich Köhler, 50, und Edwin Eichler, 48, dem Chef der Dienstleistungssparte von Thyssen-Krupp, zu den aussichtsreichsten Nachfolgekandidaten für Konzernchef Ekkehard Schulz.

Der Vertrag von Schulz, der im Juli 66 wird, läuft zwar noch bis Ende Januar 2009. Aber bereits im Januar 2008, so heißt es in der Konzernzentrale in Düsseldorf, „wird der Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp den künftigen Chef küren“. Das letzte Wort bei dieser richtungsweisenden Entscheidung hat freilich Berthold Beitz, der große und mächtige alte Mann im Hintergrund. Als Verweser des Krupp-Vermögens und Kopf der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung hat der 93-Jährige nach wie vor die Fäden in der Hand. Erst kürzlich hat die Stiftung ihren Anteil auf eine Sperrminorität von 25,1 Prozent aufgestockt. Sie darf nach einer Satzungsänderung im Januar drei Vertreter der Kapitalseite in den Aufsichtsrat entsenden und ist damit der bestimmende Großaktionär des Ruhrkonzerns.

Thyssen-Krupp gilt als eine der konservativsten Adressen in der deutschen Industrie. Der stark hierarchische Konzern legt großen Wert darauf, dass sein Führungspersonal die Kleiderordnung einhält. Vorstände, die sich nicht an die hausinternen Regeln halten, riskieren ihren Job.

Das musste im vergangenen Dezember der damalige Finanzchef Stefan Kirsten erfahren. Der bei Investoren und Analysten hoch geschätzte Manager musste seinen Stuhl vorzeitig räumen, weil er lauthals Ansprüche auf die Schulz-Nachfolge erhoben hatte. Da waren es nur noch drei.

Auf dem Papier die besten Chancen, im Januar 2008 auf den Schild gehoben zu werden, hat im Moment Stahlchef Köhler. Der 50-jährige promovierte Eisenhüttenkundler profitiert derzeit von den herausragenden Resultaten der von ihm seit Oktober 2001 geführten Sparte. Im Geschäftsjahr 2005/2006 erzielte die Thyssen-Krupp Steel AG ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von mehr als zwei Milliarden Euro. Mit einer Rendite auf das eingesetzte Kapital von 24,9 Prozent zählt der größte deutsche Stahlhersteller damit zu den Topverdienern in der Branche. Selbst die nach Produktionsmenge deutlich größeren Konkurrenten Mittal Steel und Arcelor können da nicht mithalten.

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