Chemie-Fusion
Hambrecht, der Tempomacher

Jürgen Hambrecht gibt Gas, seit er beim Chemiekonzern BASF das Sagen hat. Nun übernimmt er den Schweizer Konkurrenten Ciba.

FRANKFURT. Auf Glaubwürdigkeit legt Jürgen Hambrecht größten Wert. „Wir halten unsere Versprechen“, konstatiert der BASF-Chef ein ums andere Mal, wenn er das Zahlenwerk des Ludwigshafener Chemiekonzerns präsentiert.

Auch in anderer Hinsicht demonstriert Hambrecht nun Verlässlichkeit: Seine Prognose, dass es zu einer Konsolidierung in der Chemiebranche kommen werde, bestätigte er gestern durch seine eigene Aktion. Mit der geplanten Übernahme des Schweizer Chemiekonzerns Ciba behält die BASF beim Thema Konsolidierung selbst das Heft in die Hand.

Wirklich überraschend kommt der Vorstoß nicht, allenfalls über das Ziel des nächsten BASF-Zukaufs herrschte noch Unklarheit unter Beobachtern der Chemiebranche.

Dass er bereit ist, den Zuschnitt der BASF zu verändern, demonstrierte Hambrecht schon vor zwei Jahren: Er kaufte die Bauchemiesparte von Degussa und griff beim amerikanischen Katalysatoren-Hersteller Engelhard über eine feindliche Übernahme zu.

Und spätestens seit bekanntwurde, dass BASF ebenfalls um den mehr als 15 Milliarden Dollar teuren US-Konzern Rohm & Haas mitgeboten hatte, war klar, dass der Ludwigshafener Konzern intensiv nach Akquisitionsmöglichkeiten Ausschau hält. Im Falle Rohm & Haas musste Hambrecht am Ende aber dem amerikanischen Konkurrenten Dow Chemical das Feld überlassen. Stattdessen nutzt er nun die Kursschwäche beim kleineren Baseler Traditionskonzern Ciba, um das Geschäft der BASF mit Pigmenten und Papierchemikalien zu verstärken.

Hambrecht, ein drahtiger und energischer Mann, wirkte selbst maßgeblich daran mit, dass die BASF die Branchenkonsolidierung aus einer starken Position heraus gestalten kann. Seit er 2003 den Chefposten in Ludwigshafen übernahm, hat er den operativen Gewinn der BASF nahezu verdreifacht. Der frei verfügbare Cash-Flow schnellte von null auf mehr als drei Milliarden Euro pro Jahr nach oben. Die einstigen Branchenführer, die amerikanischen Konzerne Dow Chemical und Dupont, hat die BASF inzwischen weit hinter sich gelassen. Schon zwei Jahre nach seinem Amtsantritt kürte ihn das „Manager-Magazin“ zum „Manager des Jahres“.

Für Hambrecht ist das alles kein Grund, sich zurückzulehnen. Er treibt die BASF vielmehr weiter voran. Oft wirkt er ungeduldig, zuweilen auch ein wenig besessen. Das wenige, was er an Geduld besitze, habe er in Fernost gelernt, sagte er einmal. Als Bereichsleiter für Ostasien hatte er dort Mitte der 90er-Jahre das China-Geschäft der BASF ausgebaut und die Partnerschaft mit dem chinesischen Chemiekonzern Sinopec für den Bau eines großen Chemiewerks in Nanjing ausgehandelt. Der Standort macht die BASF zum größten ausländischen Chemieproduzenten in der Volksrepublik.

Nicht alle Mitarbeiter tun sich leicht mit den Ambitionen und dem Vorwärtsdrang ihres obersten Konzernlenkers. Aus dem mittleren Management sind zuweilen kritische Stimmen zu hören, dass Hambrecht den Konzern am Ende überfordern könnte.

Am Kapitalmarkt dagegen genießt der 62-Jährige einen glänzenden Ruf. Analysten schätzen ihn als jemanden, der nicht nur am grünen Tisch agiert, sondern weiß, wie das Geschäft funktioniert und es mit realistischen Einschätzungen beurteilt.

Hambrechts Einfluss reicht weit über die BASF hinaus. Er ist Vorsitzender des Asien-Pazifik Ausschusses der deutschen Wirtschaft, gilt als einer der wichtigsten Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel und hält sich auch in der politischen Diskussion nicht zurück. Wenn es um Themen wie Energiepolitik oder Klimaschutz geht, kann der bekennende Schwabe schon mal grantig werden. Und er ist dann durchaus bereit, auch die Regierungschefin zu kritisieren.

Was die BASF angeht, lässt Hambrecht wenig Zweifel daran, dass er den Chemiekonzern trotz aller Erfolge noch nicht dort sieht, wo er sein sollte. „Wir sind wirklich gut. Aber wir müssen noch besser werden“, sagte er jüngst im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Eine Herausforderung besteht darin, die BASF noch robuster gegen die Schwankungen des Chemiegeschäfts zu machen, das heißt vor allen Dingen gegen das extreme Auf und Ab der Margen, das in der Vergangenheit das Geschäft so unberechenbar machte. Zukäufe wie Engelhard oder nun auch Ciba sollen das Gewicht der Basischemie noch weiter verringern und das Geschäft der BASF näher an den Endverbraucher heranbringen.

Auch diese Strategie ist nicht ohne Risiken. Im Falle Engelhard und Degussa verstärkte sich die BASF just in solchen Sparten, die jetzt unter der Flaute ihrer Abnehmerbranchen Bau- und Automobilindustrie leiden.

Von solchen Einwänden lässt sich Hambrecht aber nicht beirren. Die Strategie sei nicht auf wenige Jahre, sondern wirklich langfristig ausgelegt, sagt er. Schon heute sei die BASF weitaus stabiler als in der Vergangenheit. Damit wird er sich jedoch nicht wirklich zufriedengeben. Der Kauf von Ciba war wohl kaum sein letzter Schritt auf dem Weg der Konsolidierung.

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