Chen Mang baut eine Touristik- und Mediengruppe auf
Beethoven schlägt Maos Lehren

Ein Schellack-Schätzchen veränderte sein Leben. Im Elternhaus in Peking fand Chen Mang eine Schallplatte: die „Pastorale“ von Ludwig van Beethoven. Die Sinfonie eröffnete dem jungen Chinesen „eine neue Welt: deutsche Musik“.

HB HAMBURG. Die Große Proletarische Kulturrevolution war über China hinweggefegt, „noch waren wir bis in die Haarspitzen indoktriniert mit den Lehren des Großen Vorsitzenden Mao Zedong“, erinnert sich Chen.

Doch die Beethoven-Offenbarung erweckte im jungen Chen einen Wunsch: „Ich will nach Deutschland – das Land der Musik, der Technik und von Karl Marx.“ Er büffelte Deutsch, führte deutsche Touristen durch Peking, landete als 28-Jähriger mit seiner Frau 1988 im Land seiner Träume – und war enttäuscht: „Die Deutschen hier waren nicht so nett wie die Touristen in Peking.“

Der Kummer verflog, als er die „überirdischen Segnungen des deutschen Sozialstaats kennen lernte: Wir waren Studenten und erhielten trotzdem 300 Mark Wohngeld“ – ein Tipp deutscher Kommilitonen. Doch das BWL-Studium in Gießen brach er ab und gründete 1992 ein Reisebüro für Chinesen. Daraus erwuchs die Unternehmensgruppe Caissa Touristic AG. Zum Firmensitz wählte er Hamburg: „Ich sah so viele Chinesen auf der Straße und dachte: deine Kunden von morgen.“

Den geschäftlichen Durchbruch brachte die Expo 2000 in Hannover, die zum Magnet für chinesische Geschäftsleute wurde. Heute sieht Chen seine Caissa Touristic im Marktsegment „Reisende aus China“ mit 28 000 Buchungen im vergangenen Jahr als Marktführer in Deutschland. „Caissa ist einer unserer kompetenten Partner im China-Geschäft“, bestätigt Horst Lommatzsch, China-Experte der Deutschen Zentrale für Tourismus.

Zur Unternehmensgruppe zählt ein Ausbildungszentrum, das Manager aus China fortbildet, aber auch chinesische Richter im deutschen Recht schult. Hier lebende Chinesen werden zu Reiseleitern für Besucher aus China ausgebildet, um diese sachkundig auf ihrem Europa-Trip zu begleiten. Schließlich berät Chen deutsche beim Einstieg in China.

Den Gruppenumsatz beziffert er auf 50 Millionen Euro, erzielt von 300 Beschäftigten in Hamburg, Wien, Paris, Guangzhou, Peking und Schanghai. „Wir machen Gewinn“, lacht er und lässt keine Nachfrage zu. Den Erfolg begründet Chen mit „hervorragenden Kontakten zu offiziellen Stellen in ganz China“ - das wichtigste Kapital eines chinesischen Geschäftsmannes.

Den jüngsten Coup landete er im Herbst 2003. Er gründete eine chinesischsprachige Monatszeitung („Europe Business & Lifestyle“), mit einer Auflage von 115 000 Stück laut Chen der Marktführer in Europa. Auf der Titelseite der Februar-Ausgabe grüßt Altbundeskanzler Helmut Schmidt die „lieben chinesischen Mitbürger zum Frühlingsfest“, hinten locken Bikini-Girls zwischen Anzeigen von Lufthansa, Cathay Pacific, LTU, Air China, Juwelier Wempe und dem Hofbräuhaus. Staatsmännisch äußern sich Klaus Wowereit und Edmund Stoiber.

Chens kostenloses Marketing für die Hansestadt freut Stefan Matz von der Hamburgischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft (HWF): „Herr Chen, ein seriöser Unternehmer, ist ein Gewinn für Hamburg.“ Als Chen, seit 1997 deutscher Staatsbürger, an einer Verkehrskontrolle in der City vorbeirollt, schnauzt der Polizist durchs offene Fenster: „Machen Sie das auch in China?“ Chen blafft in perfektem Deutsch zurück: „Ich bin doch in Deutschland!“

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