Chew Choon Seng muss Singapore Airlines durch Beteiligungen stärken.
Ein Diplomat als Chefpilot

Chew Choon Seng steht als Chief Executive Officer an der Spitze der Fluggesellschaft Singapore Airlines. Jetzt steht ihm ein Härtetest bevor. Er muss ausländische Fluggesellschaften übernehmen oder Mehrheitsbeteiligungen kaufen.

SINGAPUR. Der Mann spricht leise, konzentriert, gönnt sich nur gelegentlich ein schmales Lächeln: Chew Choon Seng wirkt eher wie ein Intellektueller als ein machtbewusster Manager. Doch das täuscht. Seit Mitte vergangenen Jahres steht er als Chief Executive Officer (CEO) an der Spitze der Fluggesellschaft Singapore Airlines (SIA), einer nationalen Ikone des südostasiatischen Stadtstaats und eines der wirtschaftlich stärksten Unternehmen in der Region Südostasien.

In seinem ersten Gespräch mit ausländischen Journalisten Ende vergangener Woche riskierte der zierliche, fast schüchtern wirkende Mann dann doch einen Scherz. Auf die Frage einer australischen Kollegin, was er in nächster Zeit vom globalen Luftverkehrsmarkt erwarte, zeigte er sich schlagfertig: „Keine Engpässe“ – fast schwarzer Humor in einer Branche, die seit dem 11. September 2001, nach der Lungenseuche SARS und dem Irak-Krieg in der wirtschaftlich härtesten Phase ihrer Geschichte steht.

Härte, Disziplin und äußerste Flexibilität sind erforderlich, will Chew seine Fluglinie, die bislang zu den profitabelsten der Welt gehört und berühmt für ihren Service an Bord ist, auf Kurs halten. In seinem ersten Jahr an der Spitze der SIA ist das dem gelernten Maschinenbauingenieur zwar gelungen. So hat er am Wochenende einen Gewinn von rund 416 Millionen Euro vorgelegt. Auch wenn dieses Ergebnis um ein Fünftel unter dem Vorjahresgewinn liegt und ein Steuergeschenk enthält, übertraf er die Erwartungen des Marktes und erntete das Lob der Analysten.

Doch dem 57-jährigen braven SIA-Soldaten, der sein gesamtes Berufsleben im Konzern der Singapore Airlines gedient hat, steht der eigentliche Härtetest noch bevor. Die geographische Enge des Heimatmarktes, der mangels Masse eigentlich kein Markt ist, zwingt Chew dazu, neues Wachstum auf einem Feld zu erschließen, auf dem sein Vorgänger sich eine blutige Nase geholt hat: Er muss ausländische Fluggesellschaften übernehmen oder Mehrheitsbeteiligungen kaufen. Chews Vorgänger hatte bereits vieles in dieser Richtung versucht, und alles ging daneben: Ansett Australia, Air India, South African Airways, China Airlines, Air New Zealand – Hunderte von Millionen Singapur-Dollar setzte er in den Sand. Lediglich die 49-Prozent-Beteiligung an Virgin Atlantic Airways des britischen Milliardärs Richard Branson blieb am Ende übrig.

Aber „Chew und seine Singapore Airlines haben keine andere Wahl“, urteilt Peter Harbison von der Unternehmensberatung Asiatisch-Pazifisches Luftfahrtzentrum (Capa) in Sydney. Das sieht Chew genauso. Aber zurzeit kommt er bei ausländischen Fluggesellschaften nicht zum Zuge, weil „nationale Eigentumsklauseln und Regulierungen“ ihn daran hindern. Für ihn ist das ein „Anachronismus in einer weltweit tätigen Branche“. Er bekennt sich so als Manager der vom Singapurer Staat beherrschten und nach der Marktkapitalisierung zweitgrößten Fluggesellschaft der Welt zu einer besonderen Form des Liberalismus. Doch wie er aus dieser langfristigen Wachstumsfalle der SIA herauskommen will, dazu hat er sich noch nicht näher geäußert.

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