Christian Harm ist Professor für Allgemeine BWL, insbesondere Internationale Wirtschaft an der Universität Münster
Christian Harm: „Nur ein medienwirksames Placebo"

Die Welt wäre ein gehöriges Stück weiter, wenn jeder Mensch alle Entscheidungen immer nur nach bestem Wissen und Gewissen zu Gunsten der ihm anvertrauten Klientel bzw. unter Berücksichtigung aller betroffenen Parteien fällen würde. Seit der Flucht aus dem Paradies hat sich dieser Anspruch jedoch leider als Fiktion erwiesen. Ein nicht unerheblicher Teil unserer Geschichte kann daher dergestalt interpretiert werden, dass wir soziale, wirtschaftliche und rechtliche Institutionen geschaffen haben, um dieser Art menschlicher Unvollkommenheit Herr zu werden.

Dazu zählt auch die Institution des Hippokratischen Eides, die letztlich der besseren medizinischen Versorgung der Bevölkerung dienen soll. Professor Cabreras schlägt nun vor, dass diese Idee auf den Management Nachwuchs ausgedehnt werden soll, um auch die Führung von Firmen mehr zu Gunsten des gesellschaftlichen Interesses zu lenken. Hierzu im Folgenden ein paar kritische Gedanken. Hierbei möchte ich zwei Sachverhalte trennen, nämlich den potenziellen Nutzen eines Eides für die ausgewählte Zielgruppe, und die vorgeschlagenen Inhalte eines solchen Eides.

Betrachten wir zunächst den Nutzen eines Eides, indem wir die Situation von Ärzten und Managern vergleichen. Bei dem einen haben wir das Problem ärztlicher Behandlung zum Wohle des Patienten, beim anderen das Problem der Firmenstrategie zum Wohle der Gesellschaft. Es bedarf kaum einer größeren Erläuterung um zu argumentieren, dass das erstere Problem i.d.R. wesentlich besser definiert ist als das zweite. Beiden gemein ist, dass die einschlägige Literatur die Leistungen von Ärzten und Managern als ‚Glaubwürdigkeitsgüter’ einstufen würde: sowohl dem Patienten als auch „der Gesellschaft" fällt es nach der Behandlung bzw. nach der Festlegung der Firmenstrategie schwer zu urteilen, ob die jeweiligen Entscheidungen richtig waren, bzw. ob im Nachhinein festgestellte Missstände auf diese Entscheidungen zurückzuführen sind.

Eines aber unterscheidet ärztliche von Managemententscheidungen: das Gros der medizinischen Versorgung lässt sich auf Standardsituationen zurückführen. Der Arzt entscheidet sich auf Grund von erhobenen Daten des Patienten für eine Indikation, und löst folgerichtig eine Behandlung aus. Ich will nicht in Abrede stellen, dass es auch in der Medizin Grauzonen und Grenzfälle gibt, die eine Eindeutige Diagnostik erschweren. Meine These ist, dass strategische Managemententscheidungen wesentlich weniger eindeutig sind. Gegeben ein objektiver Datenbestand eines Patienten kann ein ärztlicher Kollege Entscheidungen nachvollziehen. Wichtiger noch: ein Arzt, der ohne Not Behandlungen empfiehlt, um den Ertrag zu maximieren weiß in aller Regel was er tut. Der Hippokratische Eid versucht, durch „Aufbau eines schlechten Gewissens" der wissentlichen Entscheidung gegen das Patienteninteresse entgegenzuwirken.

Im Gegensatz hiezu liegen Managemententscheidungen viel öfter in einem Bereich, den Professor Schlotterdijk vielleicht als „Horizont der Evolution" definieren würde. Der Unternehmer als kreativer Zerstörer im Sinne Schumpeters findet sich in Situationen ohne Präzedenzfall, und muss sich in einem oft undurchschaubaren Gewirr von Informationen für eine von vielen strategischen Alternativen entscheiden. Dies ist insbesondere in der Publikumsgesellschaft der Fall, die vermutlich das zentrale Interesse von Professor Cabreras darstellt. Firmenchefs werden zuweilen für ihre besonders mutigen Entscheidungen von der Allgemeinheit gefeiert, um bei Versagen der Strategie wie eine heiße Kartoffel fallengelassen zu werden. Auch in der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte gibt es genügend Beispiele dafür, dass es oft nur ein kleiner Schritt vom ‚Manager des Jahres’ zur Anklagebank oder sogar ins Gefängnis – zumindest aber in den vorzeitigen Ruhestand – ist. Somit ist der erste Punkt, dass es für viele Managemententscheidungen das Problem des ‚schlechten Gewissens’ nicht geben kann, da es keine eindeutig optimale Entscheidung gibt. In diesen Situationen wird auch ein Hippokratischer Eid nichts bewegen können.

Nun ist es nicht erst seit Enron vorstellbar, dass Firmenleitungen auch wider besseren Wissens Entscheidungen gegen ihre Klientel fällen können. Hier stellt sich generell die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines Eides. Um nur zwei Beispiele aus einer langen Liste anzuführen: eine Schweizer Studie aus dem Jahr 1993 gelangt zum Ergebnis, dass sieben Standardoperationen bei einem „Otto Normalpatient" im Kanton Tessin ca. 33 % häufiger durchgeführt wurden als bei Ärzten und deren Familien (und interessanter Weise auch Rechtsanwälten und deren Familien). Der „Columbus Dispatch" aus den USA berichtete am 14.1.1972 darüber, dass Dr. John Knowles, damals scheidender Direktor des Massachussetts General Hospital, davon ausging, dass ca. 40% aller US-amerikanischen Ärzte ihren Reichtum durch unnötige Operationen und andere Praktiken zu umfangreicher Leistungserstellung erlangt hätten. Man witzelt in den USA daher, dass es hier keinen „Hippocratic Oath" sondern einen „Hiyppocrytical Oath" gebe: der geheuchelte Eid. Das einzige Argument, was zur Verteidigung des Vorschlages von Professor Cabreras gereicht ist das, dass ohne den Hippokratischen Eid alles noch viel schlimmer wäre …

Nun möchte ich mich mit dem Inhalt des Eides von Professor Cabreras beschäftigen, der im Wesentlichen vier Elemente umfasst: dauerhaften finanziellen Reichtum zu schaffen (für wen?), die Rechte und Würde von Angestellten zu respektieren, sich nur in ehrlichen und transparenten kommerziellen Transaktionen zu engagieren, und die natürlichen Rohstoffe in nachhaltiger Weise zu Nutzen. Als Kontrapunkt führt er Milton Friedmans singuläre Doktrin der Gewinnmaximierung an.

Hierzu gibt es zweierlei Einwände. Zum einen bezieht der Inhalt des Eides so wie er Professor Cabreras vorschwebt eine von vielen möglichen Positionen in einer gesellschaftlichen Debatte um adäquate Corporate Governance, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Zwar ist die „Friedman Doktrin" inhaltlich extrem, nicht zuletzt weil sie das Problem der Unvollständigkeit zwischenmenschlicher Kommunikation und damit Verträge negiert, und erst dadurch die Eigentümer einer Firma in eine zuweilen bedenkliche Vorteilssituation gegenüber allen anderen von den Entscheidungen der Geschäftsführung betroffenen Parteien gelangen. Unbestreitbar bleibt aber, dass die Marktanreize für genau diese Eigentümer eine tragende Säule im Geflecht der gesellschaftlichen Institutionen ist, die das eingangs skizzierte gesellschaftliche Problem der Wahrhaftigkeit der Entscheidungen angeht.

Ein stärkerer Kritikpunkt an der nach Professor Cabreras vorgeschlagenen inhaltlichen Ausgestaltung des Eides ist jedoch, dass sie aus gleich zwei Gründen als ethisch fundierte Zielsetzung einer Geschäftsführung ungeeignet ist: sie ist als Ganzes widersprüchlich, und im Detail zu unscharf, um in konkreten – insbesondere ethisch belasteten – Entscheidungssituationen eine geeignete Hilfestellung zu bieten.

So ist es unschwer zu erkennen, dass die drei letztgenannten Zielsetzungen das finanzielle Interesse der Firma beschränken können. Auch innerhalb der drei letzten Ziele gibt es Widersprüche, da z.B. „Kompromisse" zu Lasten von Ehrlichkeit oder Nachhaltigkeit auch zu Gunsten der Mitarbeiter eingegangen werden können.

Viel schwieriger ist aber die praktische Umsetzung aller einzelnen Zielsetzungen für sich, da jede einzelne unscharf ist.

Das finanzielle Wohl: kurzfristig, langfristig, und zu wessen Gunsten genau?

Die Rechte und Würde von Mitarbeitern: ist sie eindeutig definiert? Im internationalen Kontext? Auch auf Kosten von Nichtmitarbeitern? Auch auf Kosten von ausländischen Nichtmitarbeitern?

Ehrliche und transparente kommerzielle Transaktionen: transparent auch für die Konkurrenz? Wie steht es mit der Ehrlichkeit bei Geschäften im so genannten Schurkenstaat, den die eigene Regierung nichtsdestoweniger als ordentliches Mitglied der internationalen Gemeinde bezeichnet? Hier ist die Geschäftsführung in ihrer ethischen Verantwortung allein. Der Eid hilft ihr nicht weiter.

Und zuletzt die nachhaltige Entwicklung: soll unsere Geschäftsführung soziale Kosten internalisieren, die nicht einmal Experten zu schätzen vermögen? Hehre Prinzipien klingen gut. Bei der Entscheidung um toxische Emissionen oder Nutzung von Ressourcen ist die Geschäftsführung allein.

Es gäbe noch weitere Kritikpunkte am Hippokratischen Eid für Manager, so z.B. der, dass Manager grundsätzlich in Business Schools ausgebildet würden. Tatsächlich bildet die Führungselite der Unternehmen verschiedener Länder ein buntes Spektrum aus Historien verschiedenster Herkunft, und vielen ist gemein, dass sie sich in ihren Teams und Konzernen, in ihrer Kundschaft und bei Lieferanten auf Grund von langfristig gebildeten und tatsächlich gelebten ethischen Prinzipien gegenüber der Konkurrenz um Führungspositionen durchgesetzt haben. Ein bisschen mehr Vertrauen in die Selektionsprinzipien für Führungskräfte wäre insbesondere bei Rektoren international führender Business Schools wünschenswert. Der Wert der Vermittlung ethischer Prinzipien in allen Ausbildungsstrukturen bleibt dem unbeschadet. Zur Vermeidung von Exzessen bei einigen schwarzen Schafen der Wirtschaft bleibt der Hippokratische Eid für angehende Manager wohl nur eins: ein medienwirksames Placebo.

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