Christian Konrad
Der Generalanwalt für Österreich

Christian Konrad steht seit 15 Jahren an der Spitze des Raiffeisenverbandes und ist wahrscheinlich der mächtigste Wirtschaftsführer in ganz Österreich. Sein Titel lautet offiziell Generalanwalt, doch „Großer Chef“ wäre eigentlich passender. Ohne ihn geht kaum etwas in Österreich.

WIEN. Generalanwalt ist ein ziemlich sperriger Titel, unter dem sich auch die Österreicher nur wenig vorstellen können. Christian Konrad ist zwar von Haus aus studierter Jurist, aber mit der Arbeit eines Rechts- oder Staatsanwalts ist sein Job überhaupt nicht vergleichbar. „Großer Chef“ wäre wahrscheinlich die viel einfachere und bessere Bezeichnung, die sofort jedermann versteht. In der sehr titelbewussten Alpenrepublik klingt „Generalanwalt“ natürlich viel besser.

Konrad ist also Chef: Er steht an der Spitze des österreichischen Raiffeisenverbandes, und das nun schon seit 15 Jahren. „Graue Eminenz“ ist eine andere Bezeichnung, die ihm in seiner Heimat verliehen wurde. Ein schmeichelhafter Titel, weil er die Wirklichkeit überhaupt nicht trifft. Der 65-jährige Manager ist wahrscheinlich der mächtigste Wirtschaftsführer in ganz Österreich. Der Verband kontrolliert nicht nur die verschiedenen Raiffeisen-Banken des Landes, sondern auch ein Beteiligungspaket mit 500 Unternehmen aus den Bereichen Industrie, Medien und Landwirtschaft. Erst in dieser Woche hat Konrad auf dem Jahrestreffen von Raiffeisen bestätigt, wie wichtig seine Organisation für Österreich ist: Mehr als 200 000 Beschäftigte stehen direkt oder indirekt auf den Lohnlisten der Gruppe, nur der Staat ist in der Alpenrepublik mit 400 000 Stellen noch größer.

Ohne Konrad geht kaum etwas in Österreich. Raiffeisen pflegt enge Beziehungen zur konservativen und wirtschaftsfreundlichen Österreichischen Volkspartei (ÖVP), die in Wien eigentlich immer an der Regierung beteiligt ist und in der Vergangenheit auch häufig den Kanzler gestellt hat. Raiffeisen hält sogar Anteile an der Österreichischen Nationalbank. Kaum jemand sieht einen Interessenkonflikt darin, dass die Notenbanker auch für die Bankenaufsicht und damit genauso für die Kontrolle von Raiffeisen verantwortlich sind.

Christian Konrad ist jemand, den man im katholischen Österreich gern als „wertkonservativ“ bezeichnet. Erwin Pröll, ÖVP-Ministerpräsident im größten Bundesland Niederösterreich, bescheinigt ihm einen „tiefen Glauben“. Deshalb ist es kein Zufall, dass sich Konrad schon mehrfach für die Sanierung von Kirchen – auch für den Wiener Stephansdom – starkgemacht hat. Konrads liebste Freizeitbeschäftigung ist das Jagen. Etwas anderes hätte es für ihn als Hobby überhaupt nicht geben können: Er kommt vom Land und ist in der bäuerlich geprägten Raiffeisen-Organisation groß geworden. Schon seit 1969 arbeitet er für die Gruppe.

Wirtschaftlich gesehen zählt Konrad zweifellos zu den Optimisten. Als die Analystenwelt Österreich zu Jahresanfang wegen des starken Osteuropa-Engagements seiner Banken am Rande des Staatsbankrotts sehen wollte, hat der Raiffeisen-Lenker immer ordentlich gegengehalten. Auch Raiffeisen, die Nummer zwei in Osteuropa, werde die Krise natürlich vergleichsweise unbeschadet überstehen. „Ich erwarte, dass sich die Dinge Mitte nächsten Jahres wieder normalisieren“, sagte er jüngst in einem Interview.

In vier Wochen wird Konrad 66 Jahre alt. Damit rückt unwiderruflich der Zeitpunkt näher, an dem er sich von seinem Raiffeisen-Spitzenposten zurückziehen wird. Er selbst hat noch nicht durchblicken lassen, wie lange er weitermachen wird. An einen vollständigen Rückzug ist bei Christian Konrad allerdings nicht zu denken. Von seinen aktuell mehr als zehn Aufsichtsratsposten in Raiffeisen-Firmen wird er sicherlich den einen oder anderen behalten – auch wenn er dann nicht mehr Generalanwalt ist.

Kurzbiografie

1943: Christian Konrad wird in Wolkersdorf nördlich von Wien geboren.

1969: Er beendet sein Jurastudium an der Wiener Universität mit der Dissertation. Gleich danach wechselt er zu Raiffeisen und übernimmt einen Posten bei der Landesbank Niederösterreich-Wien.

1970: Konrad pflegt seine alten Wurzeln und geht zur niederösterreichischen Landwirtschaftskammer. Nach drei Jahren kehrt er zu Raiffeisen zurück.

1973: In der Landesbank Niederösterreich-Wien schafft Konrad einen Karrieresprung nach dem anderen – bis er 1990 den Spitzenposten übernimmt.

1994: Christian Konrad wird Generalanwalt des Raiffeisenverbandes, an dessen Spitze er bis heute steht.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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